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Ein neues Album von Slayer : Ich hab' meinen Hass, der hält mich warm

Die Naturschönheit sitzt zwischen steinernen Gefügen, unter Höhlenbögen, auf ihrem Blumenbett und lauscht „World Painted Blood“. Sie hört durchweg Geglücktes.

So was kann Helmut Schmidt auf dem Klavier gewiss nicht

Die Gitarrensoli von Kerry King zum Beispiel klingen mehr denn je wie chinesisch schnatternde Muskelentzündungen, die eine vier Meter breite Fleischfachverkäuferin mit Geschirrspülmittel eingeseift hat, damit sie besser weh tun. Die Soli des Kollegen Jeff Hanneman wiederum gleichen eher einer Art analphabetischer Benommenheit, die sich, bedrängt von verrücktem Gestrüpp in den Varianten Dusel, Wirrwarr und Schwindelgefühl, zäh durch die Songstrukturen frisst, bis sie eine Lichtung der totalen, freischwebenden Absurdität erreicht, wo sie sich endlich selbst verschlingt und sofort wieder auswürgt, da capo. Sehr hübsch; so was kann Helmut Schmidt auf dem Klavier gewiss nicht.

Im Intro zur Hanneman-Komposition „Playing with Dolls“ spitzt zwar plötzlich eine klangtechnische Neuerung, nämlich so etwas wie ein schockgefrorenes AC/DC-Fingernagelklackern, aus der Bratzwand des Slayer-Grundgefühls, und man fängt an, sich vor „neuen Konzepten“ zu fürchten. Aber dann kommt doch wieder die Flut der schwarzen Galle und reißt dumme Ideen wie „Abwechslung“ mit sich ins erhabene Niemals. Derweil rupft Tom Araya an seinem Bass herum, als wollte er kleingläubigen Mitarbeitern der Stiftung Warentest beweisen, dass der das aushält, und macht dazu mit einer nach Jägerbratensoße riechenden Stimme etwas, um das grollende Gockel ihn mit Recht beneiden dürften.

Ein paar mehr Ausreißer als sonst aus dieser souveränen und genussstiftenden Routine samt vom Gebrüll angeschwollener Stirnader gönnt sich der Mann diesmal allerdings doch: Das Titelstück fährt zu den Textzeilen „a disease spreading death / erasing your existence“ plötzlich einen fast dokumentarfilmtonspurkühlen Vortragsstil auf; im Stück „Beauty Through Order“ nähert Araya sich beim Vers „frozen in time is the ice flowing in your veins“ gar sehnsuchtsvollem Singsang, und wo es, dank Studiotechnik, mehrstimmig wird, fragt man sich hin und wieder, welche Gottheit da die Grateful Dead als gurgelnde Tiefseemonster ins Leben zurückbefohlen haben mag. Das musikalisch unvergänglich Belangvolle an Slayer bleibt aber - Gitarre, Bass und Gesang nun hin oder her - wie schon seit Jahrzehnten das unbegreifliche Schlagzeugspiel des ultrabeweglichen Dave Lombardo. Dieser Mann wird wohl nicht ruhen, bis er alle Rhythmen und Geschwindigkeiten, die menschlichen Armen und Beinen erreichbar sind, an sich gerissen und zurechtgeritten hat.

Freejazzer haben es immer gewusst

Vielleicht sind unsere Ohren inzwischen sogar aufgeklärt genug, dass wir uns für die Beschreibung von dergleichen nicht mehr mit ebenso kraftmeierischen wie koketten Ausdrücken Marke „Krach“ oder „Lärm“ abgeben müssen. Die letzten hundert Jahre Soundforschung von George Antheil und den Futuristen bis hin zu Merzbow oder den Fuck Buttons haben gezeigt, dass man wahrscheinlich überhaupt keine durchdringenden Geräusche machen kann, die nicht früher oder später schlicht schöne Musik werden wollen - je zerstörerischer ausgeheckt, desto ozeanischer und beglückender wird so etwas gehört. Womöglich hat man es hier mit einer Entsprechung zu jenem sprachpragmatischen Gesetz zu tun, demzufolge „nicht kommunizieren“ unmöglich ist (selbst Schweigende teilen etwas mit, ob sie wollen oder nicht, nämlich dass sie ein Gesprächsangebot brüsk verweigern. Falls sie Freundlicheres zu sagen hätten, wäre es nicht nur unter ethischen Gesichtspunkten wahrscheinlich besser, sie sagten es. Das Leben ist kurz). Freejazzer haben dies alles immer gewusst, die Popmusik musste es sich erst erarbeiten, aber damit sind wir mittlerweile wohl durch.

Auch die Naturschönheit hat, nach ausgiebigem Kreisenlassen des Kopfes und viel fliegendem Haar, mit dem Erlebnis Slayer fürs Erste abgeschlossen. Sie sinkt aufs Mooskissen, schwersten Kopfes, ganz glücklich. Jetzt schlummert sie ein. Im Frühling wird sie wiederkommen, in tausend Farben, die sich mit kochendem Kunstblut gewaschen haben, spendiert von „World Painted Blood“.

Knospen werden aufspringen, Zugvögel werden wiederkehren, und neue Liebe wird erblühen, aus dem theatralischen Hass auf alles Mögliche, den Slayer herbeimusizieren, damit er uns über die kalte Zeit bringt.

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