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Ozzy Osbourne wird siebzig : Ein interessanter Mutant

Sein natürlicher Lebensraum: Ozzy Osbourne 2011 in Wacken Bild: dpa

Ozzy Osbourne ist genau so schwerzerstörbar wie seine Musik. Wer hätte gedacht, dass er überhaupt das Rentenalter erreichen würde? Die Wissenschaftler, die sein Genom entschlüsselten, auf jeden Fall.

          Wer sich Sorgen um Bestand und Zukunft unserer Spezies erst macht, seit bekannt wurde, dass ein Chinese menschliches Erbgut manipuliert hat, um Kinder zu erzeugen, die gegen gewisse Erkrankungen gefeit sind, hat vor acht Jahren nicht aufgepasst. Damals nämlich, im Jahr 2010, wurde Wissensdurstigen, die zum Beispiel den „Scientific American“ lesen, die bestürzende Nachricht bekannt, dass der 1948 geborene britische Sänger John Michael Osbourne, den viele Menschen und alle Dämonen der Hölle unter dem Vornamen „Ozzy“ und als „Prince of Darkness“ kennen, sein Genom von der Firma Cofactor Genomics in Saint Louis hatte sequenzieren lassen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Er wollte klären, wie ein Mensch mit seinen Arbeitsbelastungen (gepresst melodisch rumquengeln, pro Konzert einen mittleren Langstreckenlauf zusammenschlurfen, im Komplettrausch ab und zu auf der Bühne eine Fledermaus totbeißen) und Freizeitgewohnheiten (Steine rauchen, Wolken injizieren) überhaupt jemals älter als dreißig geworden sein können durfte.

          „Ich war einfach neugierig“, erläuterte das knollige Monster damals im Rahmen seiner grusligen Kolumne in der Londoner „Sunday Times“ das Projekt, „in Anbetracht der Schwimmbecken voll Schnaps, die ich gesoffen habe, ganz abgesehen vom Kokain, Morphium, den Schlaftabletten, dem Hustensirup, LSD und Rohypnol. Es gibt keinen plausiblen medizinischen Grund dafür, dass ich noch existiere. Vielleicht kann es die Genforschung erklären.“

          Erklärt im Sinne von „das Unbekannte restlos in Bekanntes aufgelöst“ hat sie nichts, aber wir wissen jetzt immerhin, dass der Fürst der Finsternis zu einem höheren als dem üblichen Grad mit Neandertalern verwandt ist (echt wahr, Wissenschaft!) und ein paar Mutationen aufweist, „die wir noch nie gesehen haben“ (noch echter wahr, der Wissenschaftler, der das gestand, heißt Nathaniel Pearson und hat die Ozzylyse geleitet).

          Musikalisch hat der Mutant mit Black Sabbath den Heavy Metal erfunden und ein paar dufte Soloschlager wie „Mr. Crowley“ oder „Crazy Train“ genörgelt, außerdem verantwortet er eine der besten Liveplatten der härteren Rockgeschichte, „Tribute“ (1987) mit und zu Ehren von Randy Rhoads, einem Gitarristen, der vermutlich noch mutierter war als sein singender Chef, der Madman aus Aston in Birmingham.

          Der Rockstar, dessen zweite Karriere ihn auch noch zum Popstar (das Wort meint jemanden, den auch Leute auf der Straße erkennen, die Rock altbacken finden) machte, nämlich im Reality-(soll sagen: Zivilisationszerfalldokumentations-)Fernsehen, mit tatkräftiger Hilfe seiner fabelhaft fürchterlichen Frau Sharon und irgendwelcher Kinder, deren Namen er sich sogar merken kann, konnte, weil er da herkam, wo er herkam, nur Krimineller oder Industriearbeiter werden, wenn es den Rock nicht gegeben hätte. Im Zuge der schwerblütigen und hocherregten historischen Diskussionen um den Film „Bohemian Rhapsody“ war in einem sonst sehr klugen Text davon die Rede, die Mitglieder der Band Queen hätten einem Ding namens „Arbeiterklasse“ angehört – also ein  Sänger, der schon mit sieben Jahren Klavierstunden nahm (Freddie Mercury), ein ausgebildeter Elektrotechniker, also Facharbeiter (John Deacon, am Bass), ein studierter Biologe (Roger Taylor, am Schlagzeug) und ein Mathematiker und Astrophysiker (Brian May, an der Gitarre), du liebe Güte, wenn das die Arbeiterklasse ist, dann ist die FDP der Sozialismus.

          Black Sabbath können darüber nur lachen, am bösesten vielleicht nicht mal Ozzy, sondern Tony Iommi, ohne dessen Riffs aus dem Erdinnern Ozzy vielleicht nie das richtige Zeug zum Drüberteufeln gefunden hätte – diese beiden kommen jedenfalls ebenso aus dem wahren Wasteland der Arbeiterklasse, den englischen Midlands, wie viele andere schwere Geschütze und Figuren, etwa Judas Priest, Robert Plant oder der lustige Noddy Holder von Slade. Das auffälligste Merkmal des betreffenden Typus ist, im Sinne der Genforschung, eine gewisse Schwerzerstörbarkeit, und wer Ohren hat, zu hören, findet (und sucht) genau das auch in der dazugehörigen Musik.

          Ozzy Osbourne ist einer der würdigsten (soll sagen: wahnsinnigsten) Vertreter der ganzen Richtung und wird heute was nochmal? Siebzehn, sechshundertsechsundsechzig oder fünftausend Jahre alt? Am allerwahrscheinlichsten siebzig, aber beeindrucken dürfte das den Mutanten nicht sehr.

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