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Meese X Hell : Unfug unter Freunden

Jonathan Meese und Hell. Das Album ist beim Label Buback erschienen. Bild: Jan Bauer

Der Künstler Jonathan Meese und der DJ Hell haben mit Meeses 91 Jahre alter Mutter ein Album aufgenommen. Es heißt „Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“ und passt sehr schön in die neurotische Gegenwart.

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          Einiges ist Jonathan Meeses 91 Jahre alter Mutter zu verdanken. Sicherlich, DJ Hell machte den ersten Schritt, als er sich von Meese, dem neurotischsten deutschen Künstler, kleine Teufel auf das Cover seines 2020 erschienenen Albums „House Music Box“ mit dem passenden Untertitel „Past Present No Future“ malen ließ. Der Legende nach konnte Hell, einer der deutschen DJ-Urväter, den Auftrag nicht bezahlen, weshalb Meese zur gemeinsamen Aufnahme ins Studio kommen durfte. Das alles geschah vor Corona. Aber weil das daraus entstandene Album „Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“ heißt, weil es düster tost, weil Meese darauf „Kunst ist Notwendigkeit“ proklamiert, passt alles sehr gut in die neurotische Gegenwart.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nach Lesung des umfänglichen Erklärtextes, der das Experiment beschreibt („Meese assoziierte Freestyle“), drängt sich einem die Frage auf, was diese beiden, den Tanzmusikerzeuger und den Performancekünstler, jenseits des Vergnügens an der Persiflage von Hochkultur verbindet: die musikalischen Vorbilder (Kraftwerk), die Lust an der Abarbeitung am Mutterland? Hell jedenfalls, der bürgerlich Helmut Geier heißt, ist in vierzig Jahren Musikbusiness gut gealtert. Von Electroclash zu immer minimalistischeren Tönen, vom dominierenden Sound des neuen Jahrtausends zur Neuinterpretation der Jugendrevolte („no future“). Von München nach Berlin, aber eigentlich blieb er Bayern treu, eigentlich verstand die Hauptstadt sein Stilbewusstsein nie.

          2018 hat er für den Film „Yung“ über sehr aufgeschlossene Mädchen im Berliner Nachtleben den Soundtrack komponiert, womit er das Beste zum Projekt beitrug. Also Hell mit Meese im Stu­dio. Normalerweise klingt Hell-Musik ir­gend­wie weltgewandt. Diese Kooperation klingt nach Zuhausesitzen und Unfug unter Freunden. Gewiss, die Angst ist so ein wiederkehrendes Motiv bei Meese, der sich zeitlebens auf der Suche nach Halt befindet und beschwörende, gepresste, sich in Erschöpfung steigernde Litaneien auf Hells Tracks spricht: „I say nein, nein, nein zu allem“.

          Dann eine dreckige Lache. Dann ein Summen, das von einem Ohr zum anderen schwebt. Dann ein Aufatmen. Und hier kommt Meeses Mutter Brigitte ins Spiel, damals alleinerziehende Fremdsprachenkorrespondentin, heute noch seine Managerin und als „Mami“ immer in seiner Nähe. Über stählern-kühlen Tracks haucht sie wie eine weise Druidin „love“, was manchmal nach „laugh“ und manchmal nach „lauf“, jedenfalls sehr abgründig klingt. Das kann einem schon Angst machen. Oder auch Mut.

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