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1965: Jubeljahr des Pop : Süßes Gift der Erinnerung

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Diese Platten landen in den Bestenlisten meistens sogar ganz oben. Aber das, was hier vertieft und verfeinert wurde, war schon 1965 zu hören. Damals wurden die Urmeter angelegt, damals hatte sich das Entscheidende etabliert: ein so selbst- wie stilsicheres Musizieren. Dass Späteres „revolutionärer“ klang, steht auf einem anderen Blatt.

Them: The Angry Young Them

Zwangsläufig birgt die Besinnung auf fünfzig Jahre alte Musik ein Gran Kulturpessimismus, im schlimmeren Fall ist sie Symptom eigenen Alterns. Überaus treffend hat dies der Kritiker Greil Marcus ausgedrückt; er schreibt in seinem ansonsten weitgehend überflüssigen Van-Morrison-Buch: „Es ist kein Geheimnis, dass, wenn man in seinen Vierzigern oder vielleicht Fünfzigern, bestimmt aber, wenn man in seinen Sechzigern oder Siebzigern ankommt, die Welt zu einem Affront gegen die gesamte eigene Existenz wird, und zwar durch die Art und Weise, wie sie sich in Werbung, Sprache, Technologie, Kleidung, Film, Musik, Geldangelegenheiten und vor allem auch Umgangsformen darstellt, das heißt, die Art, wie Menschen die Straße entlanggehen und ,Hallo‘ oder ,Auf Wiedersehen‘ sagen oder sich gar nicht erst die Mühe machen, überhaupt zu reagieren.“

„In my life, I’ve loved them all.“

Das sollte man mitbedenken, sobald man sich auf das besinnt, was man persönlich wichtig nimmt. Und doch hieße es, wenn man es nur von dieser Seite sieht, dass so etwas wie Rang etwas ganz und gar Arbiträres wäre. Vielleicht ist er das auch. Es wäre aber ein Missverständnis, wollte man, wie Simon Reynolds das in seiner einflussreichen Studie „Retromania: Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann“ (2012) tat, die Ausdrucksweisen, zu denen die Musiker 1965 fanden, als vergängliche und dann eben retrohaft immer wiederkehrende Phänomene betrachten.

The Byrds: Mr. Tambourine Man

Dazu waren sie zu grundlegend, und die künstlerische Energie, die sich seinerzeit entlud, war zu groß. Deswegen und wegen des dauernden Wiederholens seiner Retro-These wird Reynolds, der Tradition für eine Krankheit zu halten scheint, auch überschätzt.

Wohin führt es aber, wenn man immer wieder auf die guten, alten Sachen zurückkommt? Greil Marcus fährt an der zitierten Stelle fort: „Man mag an einen Punkt gelangen, wie der Historiker Robert Cantwell so elegant formuliert hat, an dem ,das eigene Leben in die Vergangenheit‘ verschwindet – dein Leben, oder auch dein ganzes beschissenes Bezugssystem.“ Sehenden Auges lassen wir also unser Leben und unser Bezugssystem immer tiefer in die Vergangenheit entschwinden. Da gehören sie schließlich auch hin, wie alles irgendwann.

Das wird auch Simon Reynolds noch merken mit seinem Retro-Gerede. Noch brauchen wir keinen Möchtegern-Nietzsche, der uns in einer unzeitgemäßen Betrachtung aus dem Wiederkäuen einen Strick dreht. Was können wir dafür, dass wir nicht zu diesen beneidenswerten Kühen gehören: „kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig“? Wie sang John Lennon in einem der besten Beatles-Lieder: „In my life, I’ve loved them all.“ Das süße Gift der Erinnerung macht doch das Leben überhaupt erst aus!

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