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1965: Jubeljahr des Pop : Süßes Gift der Erinnerung

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Der Blues wird zynisch

Manche meinen, davon habe sie sich nie mehr erholt. Wohl bis in alle Ewigkeit tauchen diese Platten auf den vorderen Rängen der Bestenlisten auf, wieder- und wiedergekäut, dass man’s nicht mehr hören kann. Wer zu oft den „Rolling Stone“ liest, dieses offizielle Mitteilungsblatt solcher Listen, dem wird das alles abgedroschen vorkommen. Man kann all diese Platten aber auch unabgegolten nennen, so, wie die Hochkultur-Kritik sich ja auch nach wie vor mit Büchner und Wagner beschäftigt.

Wilson Pickett: In the Midnight Hour

Ein, für sich genommen, trivialer Erkenntnisvorgang hat in fünfzig Jahren nun auch hier dazu geführt, dass das Bild, das sich Generationen von diesen Platten gemacht haben, immer stärker ausdifferenziert wurde. Das gilt zunächst für jedes Kunstwerk. Aber hier war das Neue nicht nur für die Interpreten selbst neu, sondern schlechthin.

Und es bestand, wenn man es vereinfachend sagen darf, in Härte und Energie, in Mut, Phantasie und Eigenwilligkeit – Errungenschaften, die möglich wurden, weil die Musiker sich von den Mustern, die sie vorgefunden und weiterentwickelt hatten, wie auf geheime Verabredung hin lösten oder sie vielmehr sprengten: Dylan, indem er an die Stelle von Folktradition und politischem Bekenntnis das eigene Bewusstsein setzte und es sich gestattete, über bestimmte zeitgenössische Denk- und Verhaltensweisen mit unerhörter Schärfe zu höhnen; die Beatles, indem sie dem klassischen Rock’n’Roll und einer gewissen scheppernden Schlagerhaftigkeit entkamen und sich dabei, dank George Martin, Tonstudioeffekte als essentielle Ausdrucksweise erschlossen; die Rolling Stones, indem sie dem Blues-Sujet nun offen hedonistische oder zynische Noten abgewannen.

Nach der Reife kommt die Krise

Wie war das möglich bei Männern von Anfang zwanzig, die bis vor kurzem noch mit Schlips und Kragen herumgelaufen waren? Das Geheimnis ihrer künstlerischen Kraft wird man nicht lüften können; es genügt, sich daran zu erinnern, was sie damals bewirkte: eine nun alle Vorzüge subjektiven Sprechens nutzende Autorschaft, mit der die durch ängstlich-neidische gegenseitige Beobachtung beschleunigte musikalische Entwicklung absolut synchron ging.

The Beatles: Rubber Soul

Am Beispiel von „Rubber Soul“, mit dem die Beatles damals auf die Herausforderungen durch Dylan und die Rolling Stones antworteten, lässt sich das vielleicht zeigen: Die Lyrik, die vor allem bei John Lennon zwischen Verspieltheit, Aggression und Trauer changierte, verschmolz mit den instrumentellen Neuerungen – die Sitar in „Norwegian Wood“; dazu die anderen Saiteninstrumente, die nun unorthodoxer arbeiteten, was einen bisweilen schon psychedelischen Effekt erzielte – zu einer unerhört zwingenden Ausdrucksweise, in welcher die eigene künstlerische Rolle immer schon mitgedacht und häufig auch schon angezweifelt war. Im Lichte dieses nach wenigen Anläufen erreichten Reifegrades war es denn auch kein Wunder, dass die Musiker, auch Dylan und die Rolling Stones, bei denen sich Ähnliches abspielte, nur wenige Jahre später in ein Krisenstadium eintraten.

Die Welt als Affront gegen die eigene Existenz

Jeder wird, wenn es darum geht, ein wichtiges Plattenjahr zu nennen, ein anderes parat haben. In einem Segment, das sich so sehr an den persönlichen Geschmack richtet wie die Popmusik, ersetzt (oder beendet) die bloße Nennung eines Namens manchmal schon das Gespräch – deswegen wird das Interesse an den Bestenlisten wohl auch so schnell nicht abnehmen. Warum aber nicht 1967 nehmen, als „Sgt. Pepper“ von den Beatles und vieles Psychedelische erschien, oder 1966, als Dylans „Blonde On Blonde“, „Revolver“ von den Beatles und „Pet Sounds“ von den Beach Boys herauskamen?

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