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Duffy auf Tournee : Erdbeerbowlenselig

  • -Aktualisiert am

Sie macht das gut: Duffy Bild: dpa

Die walisische Sängerin Duffy hat die Pop-Erfolgsstory der ersten Jahreshälfte geschrieben. Bei ihrem Konzert in Köln überzeugt sie mit stilsicherem Sixties-Pop und einer charmant maunzenden Stimme.

          Es ist die Pop-Erfolgsstory der ersten Jahreshälfte: Als die walisische Sängerin Duffy im März ihr Debütalbum „Rockferry“ veröffentlichte, stieg die Platte binnen kürzester Zeit in die hiesige Top Ten ein; „Mercy“, die Single, ging sogar bis auf Platz eins. Da verwunderte es wenig, dass ihr Konzert am Montag in Köln von der heimeligen Kulturkirche erst ins E-Werk und letztendlich dann ins riesige Palladium verlegt werden musste.

          Die Begeisterung ist freilich erklärbar – und hat nur am Rande damit zu tun, dass „Mercy“ der beste Sixties-Tanzschuppen-Song ist, der es noch nicht auf die Bäume geschafft hatte, als der Betreuerstab von Amy Winehouse das Girlgroup-Erbe plünderte: Der stilsichere Sixties-Pop der Sängerin, komplett mit zuckerigen Streichern und Röhrenverstärker-Wärme, den ihr der britische Produzent Bernard Butler kompetent maßschneiderte, bedient die Freude am Handgemachten und Ordentlichen in Zeiten verwirrender Sound-Verprollung. Duffys Stimme wiederum – ein charmantes, geknautschtes Maunzen – hat etwas höchst Artistisches: „Die kann was“, denkt man sich staunend, und der Sound verweist auf bessere Zeiten. Da fällt kaum auf, dass an dieser Musik wenig originell ist.

          Faszinierendes Maulen und Quäken

          Nur mit einem Gitarristen betritt die dreiundzwanzigjährige Sängerin die Bühne, wartet das Applausende ab und eröffnet den Abend mit einer verspielt zerdehnten Version von „Syrup and Honey“. Sie singt den Song so, als wäre es der letzte des Konzerts, als wären ihr alle Herzen schon zugeflogen – und so ist es denn auch wohl. Die Pause nach der ersten Strophe hält sie weitaus länger als auf Platte, Jubel ertönt in der entstehenden Lücke, dann erlöst Duffy das Publikum: „Baby, baby, baby, spend your time on me“ – noch mehr Jubel.

          In ihrer Stimme hallen die halben Sechziger nach

          Es folgt, nunmehr mit sechsköpfiger Bandbegleitung, ihr mit Abstand bester Song: das sich refrainlos emporschraubende „Rockferry“, das klingt, als sänge Dusty Springfield einen Lee-Hazlewood-Song. Auch in der scheppernden Halle beherrscht Duffys faszinierendes Maulen und Quäken alles; nur dann und wann hängt sie ein paar Schleifen zu viel an die Melodien. Und auch wenn dies freilich eine Second-Hand-Stimme ist, in der die halben Sechziger nachhallen, steht man da und staunt. Man darf nicht vergessen: Es ist ihre erste große Tournee.

          Das Kleid sitzt perfekt

          Und sie macht das gut. Die Bewegungen sind reduziert und sparsam; wenn ein längeres Solo ertönt, schwingt sie lässig das Mikrofon in Hüfthöhe, zwischendurch plaudert sie freundlich, aber niemals anbiedernd: davon, dass die Waliser besser Rugby spielten als Fußball; davon, wie man von der deutschen Bierglasgröße auf den Spaßfaktor der Nation schließen könne – sie muss wohl Weizengläser meinen –, aber auch von ihrer Liebe zu Burt Bacharach. Das konzeptionelle Kleid sitzt also perfekt.

          Sowenig man Duffy als Sängerin vorwerfen kann, so sehr zeigt sich heute abend rasch, dass ihre Songs oft nicht mehr sind als solide Pastiches für retroselige Karaoke-Abende. Bei lauen Liedern wie „Stepping Stone“ und „Serious“ ist man geneigt, zum Buffet zu schlurfen und sich an Käseigel und Erdbeerbowle schadlos halten zu wollen. Auch der Plauderpegel steigt beständig an. Da, wo man bei Amy Winehouse ständig damit rechnen muss, dass gleich hässliche Tiere aus der Steckfrisur gesprungen kommen, herrscht hier bisweilen gleichgültige Wohltemperiertheit.

          Erwartungsgemäß hat Duffy aber beim Grillfest-Kracher „Mercy“ den Saal wieder fest in der Hand. Auch die letzte Zugabe, das im Autokino schön zwischen „Unchained Melody“ und „Twin Peaks“ geparkte „Distant Dreamer“, gerät recht packend. Für die nächste Tour wünscht man der sympathischen Frau nur zwei Sachen: bessere Songs und den Mut, mit ihrer Lieblingsmusik in einen mutigeren Dialog zu treten. Die Sechziger halten es absolut aus, wenn man sie mit dem Jetzt konfrontiert.

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