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Zum Achtzigsten von Fats Domino : Du bist Hammer

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Der Zweieinhalb-Zentner-Mann am Boogieklavier Bild: AP

Mit hartem und doch ungemein beweglichem Anschlag, einer rauh brummenden, aber nicht ganz so kehligen Stimme und den so überaus entspannten, fast trägen Arrangements hat er den Rock 'n' Roll geprägt. An diesem Dienstag feiert Fats Domino seinen achtzigsten Geburtstag.

          Schwergewichte müssen von Naturgewalten fortgespült werden; von sich aus bewegen sie sich nicht. So hatte es symbolische Bedeutung, als im Spätsommer 2005 der Hurrikan Katrina über New Orleans ging und es hieß, einer der größten Söhne dieser Stadt habe die Katastrophe vermutlich nicht überlebt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          In der Tat gab es von Fats Domino zunächst keine Spur, sein Agent meldete ihn schon als vermisst, bis die Nachricht auftauchte, der damals Siebenundsiebzigjährige sei mit dem Hubschrauber aus seinem dem Erdboden gleichgemachten Haus abtransportiert worden, weil seine Strategie, das Unwetter auszusitzen, nicht aufgegangen war. Ein lebendes Fossil wurde gerettet, und man wusste gar nicht, dass Fats Domino überhaupt noch lebte.

          Zumindest die Beatles wussten, was sich gehört

          Aussitzen war überhaupt seine Maxime, die sich nicht charakterlicher Sturheit verdankte – dazu ist Fats Domino ein zu freundlicher Mann –, sondern vielmehr Ausdruck eines gleichsam natürlichen, gewichtsbedingten Beharrungsvermögens war. Der Zweieinhalb-Zentner-Mann am Boogieklavier, das seit seinen mondäneren Zeiten, als er im Flamingo von Las Vegas seine Schulden abarbeiten (abarbeiten – bei fast hundert Millionen Plattenverkäufen!) musste, weiß angestrichen war, hatte schon ganz andere Wirbelstürme über sich ergehen lassen: die Beatles und die Rolling Stones, die Mitte der sechziger Jahre zur Wachablösung der Rock ’n’ Roller bliesen, von denen Fats Domino gewiss einer der stilprägendsten gewesen war – mit hartem und doch ungemein beweglichem Anschlag, einer rauh brummenden, aber nicht ganz so kehligen Stimme wie sein frühes Vorbild Professor Longhair und den so überaus entspannten, fast trägen Arrangements.

          Die Musiklegende in Aktion

          Zumindest die Beatles wussten, was sich gehört (die Stones hatten andere Idole) und sangen nur ihm zu Ehren das Hammerklavierlied „Lady Madonna“, das Fats Domino umgehend in sein stattliches, aber schon überholtes Repertoire übernahm und damit erst richtig bekannt machte. Mit dem, was er zuvor geleistet hatte, kann er wohl ebenfalls, womöglich sogar noch mehr als die Pioniere Ike Turner, Elvis Presley, Bill Haley und all die anderen, den Anspruch erheben, den Rock ’n’ Roll quasi erfunden zu haben.

          Mehr so gemütlich-bürgerlich

          Denn war nicht sein Song „The Fat Man“ von 1949 gerade dies: Rock ’n’ Roll? Das war er, freilich nicht in der fiebrig-aufsässigen Anmutung, sondern mehr so gemütlich-bürgerlich, denn Fats Domino, eines von neun Kindern aus kreolischem und also sehr musikalischem Haushalt, stammte aus einer Zeit, als sich Künstler Spitznamen, die auf ihre Leibesfülle anspielten, gefallen ließen – wie Jackie Gleason, der in Robert Rossens „The Hustler“ den Minnesota Fats gab, und wie viel früher schon der Stummfilmstar Fatty Arbuckle. Dergleichen setzt Robustheit und Selbstvertrauen voraus.

          Von beidem hatte der Mann mit der Schwäche für schwere Klunker und Wettspiele reichlich, und auch deswegen war er, der nie ein impulsiver Musiker war, in der Lage, in jeder Hinsicht schrankenübergreifend zu reüssieren. Seine Lieder „I’m Walking“, „Ain’t That a Shame“ und, vor allem, „Blueberry Hill“ mit dem legendären, so überaus gelassenen Klavierintro, definierten geradezu den Klang jener Jahre zwischen 1955 und 1963.

          Einer der Großen, Genial-Einfachen des Rock 'n' Roll

          Was ihm die Kollegen an Schrillheit voraushatten, machte er mit Leutseligkeit und jeder Menge guter Laune verkaufsfördernd wett. Mit seiner Mischung aus Louisiana-Blues, Cajun, Country und Boogie gab er überdies ein profundes Vorbild ab für Musiker wie Willie DeVille oder auch Dr. John; seine langjährige Partnerschaft mit Dave Bartholomew, der ihn als Artist- und Repertoire-Manager seiner Plattenfirma Imperial entdeckt hatte, besaß prototypische Funktion für spätere klassische Arbeitsteilungen nach Art von Elton John und Bernie Taupin.

          Die Katastrophe von New Orleans spülte ihn, der sich eigentlich schon 1979 mit seiner letzten nennenswerten, aufschlussreich betitelten Platte „Sleeping On The Job“ zur Ruhe gesetzt hatte, also noch einmal nach oben, auch wenn seine vielen goldenen Schallplatten dabei verschwanden – besser als umgekehrt. Die unter der Mitwirkung großer Rockprominenz eingespielten Benefiz-Aufnahmen für die verwüstete Stadt riefen wohltuend in Erinnerung, dass Antoine „Fats“ Domino, der an diesem Dienstag seinen achtzigsten Geburtstag feiert, einer der Großen, Genial-Einfachen des Rock ’n’ Roll ist.

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