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Abba-Kommentar : Doch noch ein Waterloo?

  • -Aktualisiert am

35 Jahre lang verweigerte sich die Gruppe einer Wiedervereinigung: Abba in den siebziger Jahren. Bild: Picture-Alliance

Der Zauber, den man mit ihnen verbindet, liegt in der Vergangenheit und ist trügerisch. Das Abba-Comeback kann nach hinten losgehen, denn die Legende der schwedischen Band ist empfindlich.

          Ist es Musikern zu verübeln, wenn sie, wie Bob Dylan und die Rolling Stones, einfach nicht aufhören oder, wie Cream und Led Zeppelin zumindest für den langen Moment eines einzigen Konzerts, sich nach Jahrzehnten wieder vereinigen? Unabhängig davon, wie man zum jeweiligen konkreten Ergebnis steht, muss man sagen: Nein, ist es nicht. Jeder Künstler hat das Recht, seinen Beruf so lange auszuüben, wie er will und wie es geht. Es war ein schöner Irrtum, dass Popmusik nur etwas für die Jugend wäre, wirkmächtig in die Welt gesetzt von den Beatles, denen es gelang, Jugendlichkeit nicht als Vorstufe zum Erwachsenwerden, sondern als Lebensphase eigenen Rechts zu feiern und zu veredeln.

          Dank körperlicher Fitness und Studiotechnik können inzwischen nicht nur Alte und Junge, sondern auch Tote und Untote musizieren. Hatte George Harrison spätere Anfragen nach einer Wiedervereinigung mit Witz beantwortet („Nicht, solange John tot ist“), so kam es in den neunziger Jahren doch noch zu einem gespenstischen Wiederhören, als Lennon quasi aus dem Jenseits zugeschaltet wurde und allen Ernstes eine „neue“ Platte von den Beatles herauskam – ein klarer Fall von Leichenfledderei, der künstlerisch nicht zu rechtfertigen war. Lennon hatte einst (in der Sache ja ganz richtigerweise) behauptet, die Beatles seien berühmter als Jesus, woraufhin deren Schallplatten in Amerika wie in einem sakralen Furor verbrannt wurden. Musste man, um unsterblich zu werden, einst jung sterben, so darf man mittlerweile, ohne blasphemische Absicht, feststellen, dass die Popmusik, wie Jesus Christus, den Tod in gewisser Weise überwunden hat.

          Die Verlängerung der künstlerischen Karriere über den erklärten Rücktritt, das Band-Ende oder, besonders krass bei Jimi Hendrix und Johnny Cash, über den Tod hinaus gehorcht in aller Regel kommerziellen Erwägungen; der Markt wird anhaltend überflutet mit Nachlass-Aufnahmen. Auch bei den Versuchen, Zurückgetretene zu einem Comeback zu überreden, ist Geld im Spiel, aber nicht nur das: „Lasst die Welt einen Tag lächeln“, hatte ein Promoter 1976 die Beatles per Zeitungsanzeigen gebeten und ihnen für ein einziges Konzert 230 Millionen Dollar durch Nutzung aller Vermarktungsrechte versprochen. Die vier blieben, wie man weiß, standhaft und trugen so vermutlich mehr zur Festigung ihres Nimbus bei, als es ein noch so spektakulärer Auftritt vermocht hätte, denn: Die Legende nährt sich von Erinnerungen und kann durch einen Kontakt mit realer Gegenwart Schaden nehmen.

          Ein Paradies, aus dem niemand vertrieben werden sollte

          Das war es vermutlich auch, was Abba in all der Zeit davon abgehalten hat, es noch einmal miteinander zu versuchen. 35 Jahre lang verweigerte sich die Gruppe, die für die siebziger Jahre zumindest kommerziell das war, was die Beatles für die sechziger gewesen waren, einer Wiedervereinigung und wurde selbst bei Angeboten von einer Milliarde Dollar nicht schwach. Damit gaben die Musiker immerhin zu verstehen, was ihnen ihre Legende mindestens wert, ja, dass sie im Grunde für kein Geld der Welt zu haben war. Wahrscheinlich wussten sie, dass sie ihr Erbe am besten konservierten, indem sie nicht daran rührten; ihr Musical war diesbezüglich ein Ausrutscher. Mit Sicherheit werden sie mitbekommen haben, dass es zu ihrer aktiven Zeit ja keineswegs selbstverständlich war, sich zu ihnen zu bekennen, und sie erst lange nach ihrer Trennung zu der schmerzlich vermissten Gruppe verklärt und dann auf eine eigentlich dumme, oberflächliche Art und Weise „Kult“ wurden.

          Wenn es stimmt, dass sie ihr Jahrzehnt verzaubert haben, dann ist das eine Leistung, die nicht mehr zu steigern ist, vor allem nicht durch Partybeschallungen, deren gedankenloser Hedonismus die stille Anmut ihrer Musik kaputtmacht. Jenes Jahrzehnt mag tatsächlich gelächelt haben, sobald Abba erklangen. Ihnen selbst war, wie einst den Beatles, schon lange nicht mehr danach zumute. Der Zauber, den man mit ihnen verbindet, liegt in der Vergangenheit und ist trügerisch. Auch bei ihnen ist die Erinnerung ein Paradies, aus dem niemand vertrieben werden sollte. Ein Comeback kann, zumal nach so langer Zeit, nur Nostalgie-Bedürfnisse befriedigen; künstlerisch ist es allemal eine Nagelprobe, die Ernüchterung mit sich bringen kann.

          Dass sich die Gruppe nun doch darauf einlässt, indem sie etwas Neues einspielt, ist also ein großes Wagnis und eine noch größere Überraschung. Eher gibt es einen kalten Tag in der Hölle, so dachte man immer, als dass sich Abba jemals wieder vereinigen. Zwar verzichten sie klugerweise auf einen livehaftigen Auftritt; aber was wollen sie künstlerisch mit den beiden Liedern, die angekündigt sind, noch groß gewinnen? Die Legende, gespeist aus makelloser, auf der ganzen Welt anschlussfähiger Musik, aus bunter Unbeschwertheit und gleichzeitig einer merkwürdigen Unberührtheit, kann nur Schaden nehmen, wenn man ihr zu nahe kommt und wissen will, was dieser Organismus heute noch zu leisten imstande ist.

          Dass die Musiker verlauten ließen, ihnen gehe es dabei vor allem um den „Spaß“, ist die denkbar banalste Begründung für dieses Risiko. So hat Björn Borg auch geredet, als er irgendwann mit seinem alten Holzschläger wiederauftauchte und eine Deklassierung hinnehmen musste, die bei jemandem wie ihm schmerzte. Musik ist kein Sport; diesen anderen großen Schweden mag es besser ergehen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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