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DJ Spooky : „Amerikaner hassen es nachzudenken“

  • Aktualisiert am

Universum aus zwei Plattenspielern: DJ Spooky Bild: Rough Trade Distribution

Er hat im Whitney Museum ausgestellt und - als DJ Spooky - mit Yoko Ono und „Metallica“ zusammengearbeitet. Der Konzeptkünstler, Schriftsteller und Musiker Paul D. Miller über die Inspiration des Blues und die Gedankenkontrolle von MTV.

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          Paul D. Miller ist ein afroamerikanischer Konzeptkünstler, Schriftsteller und Musiker, dessen Arbeiten unter anderem im New Yorker Whitney Museum gezeigt wurden. Unter dem Namen "DJ Spooky That Subliminal Kid" verarbeitet er eine große Bandbreite digital erzeugter Musik zu postmodernen Skulpturen und hat dabei schon mit Iannis Xenakis, Yoko Ono oder "Metallica" zusammengearbeitet. In seinem neuen Buch "Rhythm Science" stellt er seine Faszination durch die Hip-Hop-Kultur des Samplings in einen kulturgeschichtlichen Kontext, in dem der DJ als "Mediator zwischen dem Selbst und den Fiktionen einer äußeren Welt" fungiert.

          Am Samstag hat DJ Spooky ein Gipfeltreffen des subversiven Lärms im New Yorker Central Park kuratiert: Dabei teilte sich der DJ die Bühne mit zwei Bands, die seine musikalische Haltung wesentlich geprägt haben: dem Sun Ra Arkestra und "MC5". Während das Ensemble des verstorbenen Jazz-Sonnenkönigs Sun Ra die afrikanischen Roots ins Weltall katapultiert, Science-fiction als Ausweg aus dem irdischen Gefängnis zelebriert, gehen die Punkveteranen "MC5" mit dem Kopf durch die Wand: Ihr Spätsechziger-Amalgam aus wildem Rock und Politik ist plötzlich wieder interessant.

          Sie haben Philosophie und französische Literatur studiert, Ihren Magister über Ludwig Feuerbach und Richard Wagner geschrieben und beziehen sich auf Vorbilder wie John Cage und Sun Ra. Fühlen Sie sich trotzdem als Teil der Hip-Hop-Szene?

          Einerseits ja. Andererseits geht mir die Fixierung auf Wut, um die es dort geht, auf die Nerven. Das hat oft nichts mehr mit Produktivität zu tun, sondern läßt die Menschen sich im Kreis denken. Bisher war man vom amerikanischen Traum ausgeschlossen, jetzt muß man überkompensieren: Seht mal, ich zeige euch mein Geld, meine tollen Autos, mein großes Haus. Rapper als Hyper-Konsumenten - wie langweilig!

          Sie hatten das nie nötig?

          Ich bin privilegiert und komme aus einem akademischen, relativ wohlhabenden Elternhaus. Mein Vater war Dekan an der Howard University, in den sechziger Jahren arbeitete er als Rechtsanwalt für die Black Panther Party. Auch meine Großmutter, eine weiße militante Lesbierin, und meine um die Welt reisende und Kunsthandwerk sammelnde Mutter haben mich geprägt - was nicht heißt, daß ich Hip-Hop anders höre als andere. Schließlich hat er eine globale Sprache entwickelt, einen mentalen Virus, der das Geheimnis seines weltweiten Erfolgs ist.

          Im Hip-Hop wird die Abbildung vermeintlicher Straßen-Wirklichkeit gern mit der Floskel "keepin' it real" verbrämt. Ihre Musik scheint davon Lichtjahre entfernt.

          Diese Idee von "keepin' it real" hängt mit der Vermutung zusammen, daß nur real sein kann, was man selbst kennt. Jede darüber hinausgehende Information erzeugt Abwehrreflexe. Die meisten Amerikaner reisen nicht viel, nur zwei Prozent der Bevölkerung besitzen überhaupt einen Reisepaß. So bestimmen Wut, politische Entmündigung und ökonomischer Mangel ihr Denken. Es mutet ein bißchen an wie diese alten Landkarten, an deren unerforschten Rändern die Ungeheuer lauerten. Das Internet ist genau das Gegenteil davon: Du findest dort eine Überfülle an Raum. Ich navigiere zwischen diesen beiden Polen: einer lokal verorteten Hip-Hop-Tradition und der globalen Dynamik des Informationszeitalters. Jeder Sound kann eins mit dir werden.

          Stoßen Sie mit Ihren intellektuellen Genre-Überschreitungen auf Widerstand?

          Natürlich. Die meisten Amerikaner hassen es nachzudenken. Sie sind über den Verhältnissen abgestumpft und fürchten sich, zu erkennen, wie tief sie und das Land in der Tinte sitzen. Sie haben die Zensur schon verinnerlicht. Viele Menschen, die ich gerne mit meinem experimentellen Hip-Hop erreichen möchte, interessieren sich nicht für Jazz, Kunst, Literatur; sie glauben, ihr Leben hätte nichts damit zu tun.

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