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Die Zukunft des Nachtlebens : Es war einmal eine Sehnsucht

Für ihr Buch „Hush“ haben die Fotografin Marie Staggat und der Journalist Timo Stein von April 2020 bis Januar 2021 mehr als 40 Berliner Elektro-Clubs besucht. Hier das Anita Berber Bild: parthas verlag

Wie wird es nach der Pandemie in den Clubs aussehen? Wie viel Freiheit, Unvernunft und Vielfalt wird bleiben? Und wieso brauchen gerade kleine Städte solche Orte?

          7 Min.

          Als das Dorian Gray vor zwanzig Jahren zumachte, hörte Markus auf, Hemden zu tragen. Es waren solche von Versace mit Schnörkeln am Revers, die es auf dem Schwarzmarkt im Angebot zu kaufen gab. Fürs Gray musste man sich irgendwie zurechtmachen, da gingen Schauspieler und Boris Becker ein und aus. Morgens um acht kamen die Prostituierten aus dem Bahnhofsviertel, Feierabend, dann drehten zur besten Soundanlage der Technogeschichte noch einmal alle auf. Im Gegensatz zum Omen in der Frankfurter Innenstadt, wo die Leute Staubsauger auf dem Rücken und Gasmasken im Gesicht trugen, umgab das Gray am Flughafen damals schon ein Hauch von Kommerz, fand Markus. Auslassen konnte man es deswegen nicht. Jeden Sonntagmorgen stand Miro aus dem Fußballverein bei ihm im Garten und veranstaltete ein Geschrei. Was macht ihr denn so früh, wollte Markus’ Vater jedes Mal wissen. Miro rief dann immer: Wir fahren ins Phantasialand. Womit er ja auch recht hatte.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Markus kam mit seiner Familie ganz gut klar. Grund zum Fliehen gab nicht. Erst ging es nur für die Musik raus, die neu war, tosend, dunkel und uferlos. Wenn man dann im Club stand, war man Teil eines Rituals, dem beizuwohnen nur jenen vorbehalten war, die es mit jedem Nerv zu spüren verstanden. Mit den meisten dieser Leute konnte man sich wohl fühlen. Nicht dass Markus sonderlich spirituell veranlagt gewesen wäre. Aber da wogte eine Herde in einem kargen Raum auf und ab, da pumpten Bässe zum Ansporn, da pulsierte Licht im Rhythmus. Sinn der Sache war, sich gehenzulassen. Sitzplätze gab es nicht. Am Morgen dann die After Hour bei Freunden, die sich beliebig verlängern ließ. Die Regel: niemals alleine runterkommen. Als das Omen zumachte, tanzten Hunderte noch tagelang auf der gesperrten Straße und feierten ihr Abschiedsritual.

          Manchmal prügelten sich welche

          Markus und ich lernten uns mehr als fünfzehn Jahre später in einem Büro für Freiberufler kennen, einer Studiogemeinschaft, in der man abends zusammen kochte. Nebenan befand sich einer der neueren Frankfurter Clubs. An Wochenenden preschten bei Dunkelheit weiße BMWs in die Einfahrt. Gegen Mitternacht kamen mir Leute entgegen, die wenig zum Wohlfühlen einluden. Manchmal prügelten sich welche. Spirituell kam mir daran nichts vor. Ich war in einer kleineren Stadt aufgewachsen, deren Nachtleben aus Livemusik und Disco bestand. Als wir, gerade volljährig, zum ersten Mal in den gefeierten Offenbacher Club Robert Johnson fuhren, war ich überrascht, wie sehr dort alle mit sich selbst beschäftigt schienen. Bei uns ging man feiern, um Leute kennenzulernen. Aus den Clubs, die ich später an anderen Orten der Welt aus Neugier und Sehnsucht nach dem Unerwarteten besuchte, sind mir vor allem die Menschen in Erinnerung geblieben. Die wenigsten schienen mir Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein. Die meisten staunende Beobachter.

          Als ich mich mit Markus anfreundete, waren die Geburtsstätten des Techno aus Frankfurt und seinem Leben verschwunden. Die Clique von damals hatte sich längst aufgelöst. Manche wollte Markus nicht mehr um sich haben, andere waren tot. Er hatte sich zu einem Beruf, einem Alltag und geregelten Schlafenszeiten entschlossen, eine Entscheidung, die damals wahrscheinlich mehr als heute eine gegen die Clubgemeinschaft war. Beim gemeinsamen Abendessen trank Markus Wasser, selten ein Glas Wein, und sprach über Stadtpolitik und Literatur. Seine Tochter ist erwachsen. Sie mag keinen Alkohol und geht nur auf private Tanzpartys.

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