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Die Zukunft des Nachtlebens : Es war einmal eine Sehnsucht

An manchen Stellen, das heißt in Berlin, hat sich institutionell doch etwas getan. Die Hauptstadt hat inzwischen einen Lärmschutzfonds, der beim Verschwindenlassen der Bässe hilft. Clubs mit eigens kuratiertem Programm, bei denen die musikalische Darbietung im Vordergrund steht, zahlen den ermäßigten Umsatzsteuersatz, wie andere Kulturstätten. Seit Beginn der Pandemie wird ein digitales Treffen nach dem anderen veranlasst, über die Erneuerung der Szene nachgedacht und über Großveranstaltungen mit Schnelltests verhandelt, so wie es sie vor wenigen Tagen unter Laborbedingungen in einer Amsterdamer Disco gab. Im November wurden die Berliner Clubs zu Kulturstätten erhoben.

Der Ruf nach Experimentierräumen wird da größer, wo die Städte Sorge um Leerstand haben, weil es sich neuerdings zu bewähren scheint, Kleidung, Feinkost und Einrichtungsgegenstände nach Hause liefern zu lassen. Manche früheren Nachtschwärmer stellen sich ihre Stadt schon als postkonsumistisches Science-Fiction-Szenario vor, in dem sich das Leben in die Nacht verschiebt, wieder mehr Platz für die Clubkultur bleibt und wie zu Omen-Zeiten auf der Straße getanzt wird.

Aus Leipzig, wo die Clubbetreiber in der Tradition stehen, Demonstrationen zu organisieren und für Demokratie und Umweltschutz einzustehen, hat es in den letzten Jahren mit der Anerkennung auch ganz gut geklappt. Sicher: Viele Clubs mussten in den vergangenen Jahren schließen. Aber neuerdings vermittelt eine Koordinierungsstelle für das Nachtleben zwischen den Interessen. Ein Nachtbürgermeister soll antreten, sobald es sich wieder lohnt. Das Elipamanoke, ein Technoclub für 400 Gäste im Leipziger Westen, wurde vor dreizehn Jahren von Freunden gegründet und von Fans des eigensinnigen Musikprogramms fortgeführt. Man konnte hier sogar auflegen lernen. Für Felix Heukenkamp, den Barchef, ist ein Club der ultimative Ort, an dem frei gesprochen werden und man sich sicher fühlen kann. Dafür gibt es jetzt eine Antidiskriminierungs-AG und ein Awareness Team. Zweimal in der Woche trifft sich der Krisenstab. Wie im letzten Sommer soll es auch in diesem ein Open Air-Fest geben. Aus der Subversion ist eine Enklave der Achtsamkeit geworden.

Frühjahr 2021, Markus kommt zum Spazierengehen vorbei. Er behauptet, früher sei kein Awareness Team nötig gewesen. Man habe den Leuten im Club blind vertraut. Man war Teil von etwas, was noch nicht so sehr in der Gesellschaft verankert war. Das schweißt zusammen und hat ihn offener und sensibler gemacht. „Früher war mehr underground.“ Er liest gerade ein Buch über Influencer, um herauszufinden, wie die Generation seiner Tochter tickt. Ich beobachte ihn, wie er sein Handy auspackt, das aussieht wie das erste Nokia meiner Mutter. Dann mache ich mich über seine Früher-war-alles-besser-Haltung lustig. Im Gegenteil, ruft Markus. Solange draußen alles stillsteht, braucht die Musikkultur einfach einen neuen Antrieb. Ein neues, progressives Technoprojekt, damit sich die Szene weiterentwickeln kann. Und wenn dann alle wieder zusammenkommen, kann es wieder um das gehen, was das Nachtleben schon immer zusammengehalten hat: die Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Die Sehnsucht nach Liebe.

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