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Die Wiedergeburt der Popmusik : Letzte Rettung vor dem Tod

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Was Schreuf aus alten Fetenhits macht, ist das Unwahrscheinlichste, das vollkommen Überraschende: großartige Popmusik Bild: Buback

Es ist die Renaissance der Popmusik: Kristof Schreuf gibt in seinem neuen Album „Bourgeois with Guitar“ den Mythen unserer Jugend die verlorene Aura zurück. Was sonst Fetenhits waren, sind nun neu aufgelegte Träume.

          Es ist von hoher Symbolkraft. Am Ende des großen Zeitalters der Popmusik, nach der Auflösung der Einheit des Albums, des Songs, nach der Selbsterniedrigung der einst so stolzen und mächtigen Plattenindustrie zum Content-Zulieferer für den globalen 99-Cent-Store von i-Tunes, da taucht ausgerechnet der unbekannteste und verschollenste unter den einflussreichen deutschen Popkünstlern aus der Versenkung auf - mit einem Coveralbum voller Songklassiker. Und er rettet damit, pars pro toto, die Musik vor dem Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit.

          Kristof Schreuf, so heißt der Mann, ist heute nur noch Kennern ein Begriff. Aber was für einer: Ende der achtziger Jahre hatte der 1963 Geborene mit seiner Band Kolossale Jugend die Hamburger Schule mitbegründet, die dann bald Gruppen wie Blumfeld oder Tocotronic höchst erfolgreich absolvierten. Dazu hatte Schreuf nur zwei mittlerweile legendäre Alben gebraucht: „Heile Heile Boches“ und „Leopard 2“. Mitte der Neunziger kehrte Schreuf mit einer neuen Band zurück, die noch kurzlebiger war: Brüllen hieß sie, das Album „Schatzitude“ ging damals unter, erscheint aber im Rückblick als eine der besten deutschsprachigen Platten jener Jahre. „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarettenfabrik“, schrie Schreuf damals und verstummte.

          Wiederkehr der Untoten

          Jetzt, nach dreizehn Jahren Pop-Pause, ist Schreuf zurück und spielt Songs, die man vielleicht heute noch bei unverbesserlichen Fetenhit-Bands in der Provinz erwartet, die zum Bikertreffen im Bierzelt aufspielen: „Highway to Hell“ von AC/DC, „Breaking the Law“ von Judas Priest, „Search and Destroy“ von Iggy Pop and the Stooges. Allzeitfavoriten, auf Schülerfeten der Achtziger und im Lkw-Radio weichgeklopft, tausendfach schlecht nachgespielt und von Headbangern mit wehenden Mähnen totgepeitscht. Schreufs Comeback ist zugleich die Wiederkehr der Untoten einer an vor der Zeit Abgetretenen nicht armen Rockgeschichte.

          Doch was Schreuf daraus macht, ist das Unwahrscheinlichste, das vollkommen Überraschende. Er macht daraus großartige Popmusik - nach dem Ende all ihrer Versprechen, dem Verblassen ihrer Aura in der Digitalisierung, nach der Reduktion und Degradierung des Songs zu einer MP3-Datei zwischen fünf und neun Megabyte. Wer bei i-Tunes einen bekannten Songtitel eingibt, findet vor lauter Coverversionen oft das Original nicht mehr heraus. „Bourgeois With Guitar“ ist ein Album, das wie ein Best-of der Rockgeschichte daherkommt, auf dem man aber kaum ein Stück auf Anhieb erkennt und sich in manchen Titeln gleich drei oder vier Songs zugleich verbergen und Auferstehung feiern. Melodien für Millionen verwandelt Schreuf in ein Medley der Mythen, das gerade in der radikal subjektiven Anverwandlung den Songs ihre längst verscherbelte Aura zurückerstattet.

          Tempo, Potenz und Pferdestärken

          Das Werk beginnt mit einem A-cappella-Stück, in dem Schreuf „My Generation“ von The Who auf die Melodie des Traditionals „Scarborough Fair“ singt, das Simon and Garfunkel unsterblich machten. Solcherart sind die Ideen Schreufs, deren ganz selbstverständliches Gelingen man kaum glauben, sondern nur selbst hören kann. Die Generation, der hier ein Denkmal gesetzt wird, ist jene große Alterskohorte, die mit dem Versprechen der Popmusik aufwuchs, über die Befreiung der Seele und des Körpers die ganze Gesellschaft umzukrempeln.

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