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Swamp Doggs Rückkehr : Mach Amerika wieder lüstern

  • -Aktualisiert am

Frisch wie nie: Swamp Dogg Bild: David McMurry

Sozialkritisch wie Frank Zappa, unberechenbar wie Snoop Dogg: Die Rückkehr des Soulmusikers Swamp Dogg, der zwar ein alter Mann, aber frisch wie nie ist.

          3 Min.

          Every now and then (alle mal herhören): Darf man das überhaupt noch sagen? Für die Harthörigen stand es früher gelegentlich auf den Covers aufregender Platten, vorzugsweise des Soul. Wenn einer der interessantesten Vertreter dieser Musik, nämlich der Mann, der seit fünfzig Jahren Swamp Dogg ist, nun noch einmal eine Platte herausbringt, dann mag es ausnahmsweise erlaubt sein. „Sorry You Couldn’t Make It“ (auf Joyful Noise Recordings) ist, wie fast alles, was diese Type gemacht hat, nicht nur ein Lebens-, sondern ein Vitalitätsbeweis ersten Ranges, auch wenn sein fast achtzigjähriges Organ, das einst die spitzesten Schreie und durchgedrehtesten Quetschlaute ausstieß, um dann wieder so zu schmeicheln, dass einem ebenfalls ganz anders werden konnte, inzwischen etwas mürbe geworden ist – im Gegensatz zum Sänger selbst, den, weil vor allem sein Frühwerk schon damals schwer zu kriegen war, lange nicht auf dem Radar gehabt zu haben zweifellos ein Versäumnis ist.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Tatsächlich ist Swamp Dogg, der als Jerry Williams jr. 1942 in Virginia geboren wurde und, wie Stevie Wonder, mit zwölf seine ersten Lieder aufnahm, eine der zugleich obskursten und einflussreichsten, ja, im Grunde sogar größten, jedenfalls produktivsten Persönlichkeiten der schwarzen Musik, ein leider unvermindert aktueller Stichwortgeber, wie ältere und neuere Titel zeigen: „God Bless America“, „Call Me Nigger“ oder „An Awful Christmas and a Lousy New Year“. So gut wie jeder Aspekt, der in gesellschaftlichen Debatten heute eine Rolle spielt, ist schon bei ihm zu haben.

          Ein Album als landmark

          Und wenn man ihn auf einen Nenner bringen wollte, dann könnte man sich bei der amerikanischen Kritik bedienen, die ihn beizeiten als gonzo bezeichnet hat. Reißerisch, überschwappend ist er allemal, sozialkritisch wie Frank Zappa, unberechenbar wie der gefährliche Snoop Dogg – der sich das zweite, Militanz signalisierende g bei ihm abgeschaut haben dürfte –, dazu humorvoll wie Solomon Burke und durch und durch lüstern. Gerade über Letzteres ließe sich seine zeitgenössische Relevanz zusätzlich erhärten: Denn wenn, wie er auch mal sang, Gott dem Land seinen Segen doch nicht erteilt hat („God Ain’t Blessing America“), dann könnte zumindest Swamp Dogg sich in trostloser Zeit auf die ehemalige Trump-Gespielin Stormy Daniels berufen: Make America horny again.

          Jedenfalls sitzt Swamp Dogg bis heute auf dem Gonzo-Soul-Gründungslehrstuhl, auch wenn er anlässlich seines Debüts „Total Destruction To Your Mind“ (1970) bloß einen Doktorhut trug (und sonst nur Unterwäsche). Dieses auf dem in Los Angeles ansässigen Label Canyon erschienene Album war, wie die Amerikaner sagen, eine landmark, auch wenn es selbst drüben nicht annähernd die Beachtung fand wie die Sachen von Atlantic Records, wo Swamp Dogg in den Sechzigern mehr als das Handwerk gelernt hat oder Motown.

          Er war, auch als Songschreiber, Arrangeur und Produzent, bei dem eine nahezu unüberschaubare Schülerschar gewissermaßen promoviert wurde, die unter ihm unfassbar gute Soulplatten aufgenommen hat (darunter gleichfalls wenig bekannte Sänger wie Doris Duke, Sandra Phillips und Charlie Whitehead alias Raw Spit), mittendrin, eine Spinne im Netz der Black Music, und doch blieb er ein Außenseiter. Daran war er selbst nicht ganz unschuldig, denn das damals mit tonangebende Label Elektra Records, auf dem die zweite Swamp-Dogg-Platte herauskam, ließ ihn danach gleich wieder fallen. Zu unverblümt hatte er hier die Freuden, ja, die Notwendigkeit der Promiskuität besungen („Predicament # 2“), zu wenig staatstragend war seine Umdeutung von Irving Berlins „God Bless America“ ausgefallen, zu pessimistisch seine Klage über das Unrecht an Minderheiten („Remember I Said Tomorrow“), dies alles vorgetragen in einer Spiellaune voller Saft und Kraft. In jener Zeit war er bestens vernetzt. An der Gitarre saß meistens der fabelhafte, noch blutjunge Jesse Carr, an der Orgel Paul Hornsby, der damals die Platten des gerade verstorbenen Charlie Daniels produzierte.

          Wenn die Würdigung der neuen Swamp-Dogg-Platte also die Begegnung mit einem alten Unbekannten ist, dann darf man vielleicht sagen: besser spät als nie. „Sorry You Couldn’t Make It“ ist darüber hinaus ein Wiederhören mit dem verstorbenen Country-Folk-Sänger John Prine, der auf zwei Liedern mitsingt und dessen Anwesenheit allein schon wieder die enorme stilistische Strahlkraft und Anschlussfähigkeit beider Musiker anzeigt – hier sind musicians’ musicians am Werk, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben und es sich nie haben verdrießen lassen, dass sie über einen Geheimtipp-Status nicht hinauskamen. Die Mitwirkung von Justin Vernon alias Bon Iver könnte sogar ein jüngeres Publikum anlocken, von dem dieser sehr geschätzt wird.

          Aber auch ohne Hilfe macht Swamp Dogg seine Sache nach wie vor gut, selbst in den todtraurigen Balladen, von denen eine, „Don’t Take Her (She’s All I Got)“, schon vor Jahrzehnten Sängern, die es genauso nötig hatten, in die Country-Charts verholfen hat, wie überhaupt der Country als Form einer gewissen Resignation hier stärker ist als auf allen früheren Einspielungen. Schließlich ist dieses Album der hoffentlich nicht letzte Beweis für eine über diese lange Wegstrecke wohl konkurrenzlose Musikalität und weist, bei altersgemäß nun doch schwindender Energie, noch einmal die urvertrauten Stärken auf, umgeben von großer menschlicher Wärme. Wer sagt, dass zeitgenössische amerikanische Kunst, die eigentlich allen etwas sagen müsste, nicht von einem alten Mann stammen kann?

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