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Lana del Rey in Berlin : Die Traurigkeit des Sommers

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Schwermütige Schönheit: Lana del Rey Bild: REUTERS

Sie wäre gern tot, aber sie muss singen: Lana Del Rey gibt ein Konzert in Berlin – und verleiht der Melancholie des Moments die perfekte Stimme und die schönste Form.

          Ein roter Ballon auf dem Wasser des Schlossgrabens der Zitadelle in Spandau, Seerosenblätter, alte Backsteinmauern, eine schmale Holzbrücke, auf dem großen Freihof Getränkestände, Schultheiss-Plakate, eine große Kastanie, eine Pappel, eine Birke, über der Bühne steigen im Minutentakt Flugzeuge von Tegel auf in Richtung Sonnenuntergang, einmal fliegen zwei Kraniche vorbei. Freitagabend, kurz vor dem aktuell einzigen Deutschland-Konzert der amerikanischen Melancholie-Königin Lana Del Rey, die vor zweieinhalb Jahren mit ihrem Lied „Video Games“ der Welt bekannt geworden ist. Am Tag nach dem Konzert feiert sie ihren 27.Geburtstag. In einem Interview hat sie kurz zuvor gesagt: „Ich wünschte, ich wäre schon tot.“

          Der freie Hof füllt sich, das Konzert war lange schon ausverkauft, gut 6000 Menschen werden es sein. Vor dem Eingang stehen noch zahlreiche Menschen, die ihre flehenden Kartenbitten auf Wurstpappen geschrieben haben. Es sind vor allem junge Frauen um die zwanzig gekommen, viele mit bunten Stoffblumen im Haar, wie die Sängerin, die sie verehren. Lana Del Rey hat gerade ein neues, ihr zweites Album herausgebracht, es heißt „Ultraviolence“, im Lied reimt sich das auf „violins“, das Album ist großartig, weniger sprunghaft und disparat als das erste, mehr Gitarren, härter, aber die Traurigkeit, Vergangenheitseligkeit, die Sehnsucht zurück, die Angst vor dem Alter, vor dem Vergessen und dem Vergessenwerden, ist die gleiche geblieben, vielleicht noch drängender, aussichtsloser.

          Das Rätsel Lana Del Rey, das sie von ihrem ersten Auftritt auf der Weltbühne an gewesen ist, das ist noch immer das gleiche. Dass sie so aussah, am Anfang ihrer Karriere, wie Popstars eigentlich am Ende aussehen, nach dem verlorenen Kampf gegen die Zeit: mit aufgespritzten Lippen, dem modellierten Gesicht, als wolle sie den Kampf gegen die Zeit, gegen das Alter schon endgültig für sich entscheiden, bevor er überhaupt begonnen hat. Angst vor dem Alter, vor der Vergänglichkeit als sichtbar gestaltete Panik im Gesicht. Was die Schönheit und den Zauber ihrer Lieder von Anfang an ausgemacht hat, die Gleichzeitigkeit von Todessehnsucht und Todesfurcht – in ihrem Gesicht sah es erschreckend aus.

          Sie tritt auf, Bühne in Trockeneisdampf, ihre Stimme sofort phantastisch, erstes Lied „Cola“, im Hintergrund der Bühne Wellen in Schwarz-Weiß. Palmen, schwarzer Himmel. Das Publikum beinahe bewegungslos, von Melancholie an den Boden festgetackert. Jeder fotografiert augenblicklich jeden. Die junge Frau vor mir verschickt schon nach den ersten Takten erste Bilder und schreibt dazu: „Bin auf dem Lana Del Rey Konzert. Verdammt, hätte nie gedacht, dass sie sooo gut ist!!!!“ Lana Del Rey singt die Lieder unserer Zeit, Lieder für Menschen, die ihr Leben mit Fotografieren verbringen, die das Leben in permanenter Rückschau verbringen, weil sie den Moment des Erlebens ja mit der Dokumentation des Moments verbringen. Und schon wenige Augenblicke später, beim Verschicken oder Betrachten der Bilder in tiefe Melancholie verfallen: Sieh dir das an – wie herrlich war dieser Moment da eben. So vergeht die Zeit immer schneller, die guten Momente sind immer schneller schon vorbei. Und Lana Del Rey singt den Soundtrack dazu.

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