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Dionne Warwick wird achtzig : Die Tricks und Tracks der Katze

Aus der Frühzeit: Dionne Warwick in den sechziger Jahren Bild: Picture-Alliance

Vom Gospel zum Soul, vom Easy Listening zum biederen Fernseh-Pop und zurück zu den Wurzeln: Dionne Warwick, die auf eine beachtliche Karriere zurückschauen kann, wird an diesem Samstag achtzig.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Lucy O‘Brien beschreibt in ihrem Buch „She Bop“ über Frauen in der Geschichte der Popmusik die Sängerinnen Aretha Franklin und Dionne Warwick als die ersten „top female singles artists“, die nach den großen Erfolgen der Girlgroups in den fünfziger und sechziger Jahren auch ganz allein erfolgreich wurden.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Was das Timbre der beiden angeht, trifft sie eine interessante Unterscheidung: Während Aretha Franklin den rauhen, deklarativen Soul verkörpere, sei Warwicks subtile Stimme „more in the international cabaret league“ anzusiedeln. („Cabaret“ meint hier wohl nicht politisches Kabarett, sondern Varieté und Kleinkunst.)

          Diese Einschätzung mag im Hinblick auf Warwicks spätere Karriere und die bombastische Ausstaffierung ihrer Musik für so manche heute peinlich wirkende Hitparaden-Fernsehsendung überraschen. Aber für ihre frühen Songs – etwa die jugendlich-optimistische Version von „I Say a Little Prayer“, bei der man das Herz der Sängerin vor freudiger Erwartung hüpfen zu hören meint („The moment I wake up ...“), oder die Liebeswiderstands-Ballade „Don’t Make Me Over“ („Versuch nicht, etwas anderes aus mir zu machen, als ich bin“) mit ihrem kühnen Sprung im Refrain – scheint die Einschätzung durchaus zutreffend.

          Dionne Warwicks stimmliche Entwicklung begann – natürlich, möchte man fast sagen – mit Gospelgesang. Bei den Drinkard Singers und den Gospelaires  wurde sie geprägt, aber der entscheidende Schub kam, als 1962 bei der Aufnahme für den Backgroundgesang des Liedes „Mexican Divorce“ von den Drifters dessen Komponist Burt Bacharach auf sie aufmerksam wurde.

          Der erkannte etwas Delikates und Komplexes in ihrer Stimme, und es begann eine lange und sehr erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Warwick, ihm und seinem Texter Hal David: 33 von 37 der ersten Hitsingles von Dionne Warwick (und das sind längst noch nicht alle) stammten von dem Songschreiberduo. Die Zuneigung war gegenseitig: Warwick sagte über die beiden, deren Lieder seien ihr auf den Leib geschrieben, und trotzdem könne sie dabei noch „sie selbst sein“.

          Dionne Warwicks kommerzieller Erfolg sollte noch viel größer werden: Als sie 1971 von dem kleineren Label Scepter zu Warner wechselte, war dies der bislang höchstdotierte Plattenvertag für eine Sängerin. Aber er hatte nicht nur gute Seiten: Immer glatter wurde nun ihre Stimme, immer smoother die Produktion, die sich ohnehin von den sechziger bis zu den achtziger Jahren grundstürzend veränderte. Und so klingt eine weitere Komposition von Burt Bacharach zusammen mit Carole Bayer Sager, die Warwick 1985 mit Elton John, Gladys Knight und Stevie Wonder aufnahm, wie der Soundtrack zu einer eher biederen Fernsehserie: „That’s What Friends Are For“. So sollte sie wahrscheinlich auch klingen, denn es war ja eine „charity single“, deren Einnahmen an die Aids-Hilfe gingen.

          Unter dem furchtbaren Keyboard-Klang der Achtziger, der so ziemlich jede Hitparadensendung dominierte und heute noch im „Musikantenstadel“ zu hören ist, litten noch andere Lieder und Alben von Dionne Warwick, wobei es andererseits auch Überraschungen gab: Den kühlen Funk-Disco-Sound von „Track of the Cat“ (1982) etwa, bei dessen Titelstück erst nach bald zwei Minuten Fauch- und Knurrgeräuschen Warwicks seidige Stimme nicht nur im Vergleich dazu überaus zart einsetzt. Und bei der Ballade „His House and Me“, die heute noch auf Youtube verlassenen Seelen Trost bietet, kann man im Gegensatz hören, wie mächtig es klingt, wenn Dionne Warwick stimmlich einmal richtig aufdreht.

          Wie bei fast jedem Star ihrer Kategorie, also jemandem, der über fünf Jahrzehnte lang im Musikgeschäft dabeibleiben will, kommen auch Experimente vor. Zu den kuriosesten gehört wohl Warwicks Duett mit Dieter Bohlen und Blue System bei „It’s All Over“ (1991). Es war aber noch nicht zuende, auch wenn Dionne Warwicks Veröffentlichungen seither viel auf Wiederholung und noch mehr auf Weihnachtlichkeit setzten, und auch wenn ein durch Mismanagement verursachter wirtschaftlicher Bankrott zu überwinden war. Zuletzt scheint sie auf dem Album „She‘s Back“ von 2019 wieder etwas zurück zu den Wurzeln gefunden haben. Wie nachdenklich sie darauf Terry Calliers wunderbares „What Color is Love“ singt, das müsste so manche aufgebrezelte Stimme, die heute das Konzept von „Soul“ ad absurdum führt, demütig machen. Und wie sie den Tanzschul-Hit „What a Fool Believes“ hier in einer akustischen Laid-Back-Version interpretiert, strahlt Lässigkeit und viel Erfahrung aus.

          An diesem Samstag wird Marie Dionne Warwick, die nicht nur musikalisch einen beachtlichen Weg gemacht hat, sondern auch als Botschafterin für manche gute Sache, achtzig Jahre alt.

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