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Tina Turner zum Achtzigsten : Durch den Strom und übern Berg

Tina Turner bei einem Auftritt in den siebziger Jahren Bild: Picture-Alliance

Zwischen Kunst und Käsekuchen: Von einem großen Produzenten, aber üblen Kerl entdeckt, gefördert und gequält, hat die große Soul- und Pop-Diva sich ihr Werk und Leben schließlich selbst zurückerobert. Zum Achtzigsten von Tina Turner.

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          Sogar Aufträge, bei deren bloßer Beschreibung andere Göttinnen schlagartig verwelkt wären, hat sie angenommen und mit Verve erledigt. Was zum Beispiel soll man tun, wenn die Geldmächte hinter den James-Bond-Filmen ihre Masche „immer dasselbe, aber anders“ schamlos auf die Musik zum Spektakel ausdehnen und die Bestellung aufgeben: „Bitte nochmal so was wie ‚Goldfinger‘ von Shirley Bassey, sagen wir: einen Titel mit ‚Gold‘ drin und eine gewaltige Soulstimme am Mikro“? Schreiend davonlaufen sollte man, besonders, wenn das Ding dann auch noch vom Gitarrenkobold The Edge und seinem Meister Bono Vox, dem König des Möchtegernsoul („Angel of Harlem“, pfui Spinne) komponiert und betextet wird. Tina Turner jedoch besitzt Lungen aus purem Licht und sang damit den mutwillig stimmungsüberwürzten Käsekuchen („but a bitter kiss will bring him to his knees“) „Goldeneye“ 1995 so ausladend kinodramatisch runter, dass er zum Riesenhit geriet.

          Ein harter Weg auf zwei Gipfel

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Nach einer kaum kuscheligen Kindheit in Nutbush, einem Flecken von Baumwollpflanzern in den Südstaaten, dessen Namen sie später weltbekannt machte, geriet die junge Anna Mae Bullock im Nachtleben von St. Louis an einen monströsen menschgewordenen Anglerfisch namens Ike Turner, der sie in seiner Eigenschaft als distinguierter Musiker und Plattenproduzent förderte und in seiner leider mindestens genauso ausgeprägten Eigenschaft als herrschsüchtiges Ungeheuer mit körperlicher und seelischer Gewalt davon abzulenken versuchte, dass sie ihn zur vollen Entfaltung ihrer enormen Begabung so wenig nötig hatte wie als Lebensbegleiter. Fortan hieß sie Tina Turner und nahm mit dem cholerischen Mann 1966 das epochale Stück „River Deep – Mountain High“ auf, ein Klanglandschaftswandgemälde von Ewigkeitswert, produziert für seinerzeit völlig übergeschnappte 22.000 Dollar vom Soulprometheus Phil Spector persönlich, unter Hinzuziehung von zwei Dutzend Studiomusikern ersten Ranges.

          Das in der kulturindustriell hergestellten und vermarkteten Musik von Judy Garland über Janis Joplin bis Amy Winehouse abstoßenderweise extrem zählebige Kitschklischee der belastbaren, aber nicht restlos reißfesten Frauenseele, aus deren Schmerzen sich angeblich besonders hochwertige Leidenschaftsgenussmittel pressen lassen, hat Tina Turner ein paar grauenhafte Jahre lang mitgespielt, sich dann aber mit einem bewundernswerten Kraftakt, der auf die eigene materielle Sicherheit keine Rücksicht nahm, von ihrem Albtraumkerl befreit.

          Danach musste sie ihrer Künstlerinnenwürde eine Weile entsagen und von Kleinauftritt zu Kleinauftritt tingeln, bis bei einem davon ein Plattenindustriemensch seine Ohren einschaltete und die nie erkaltende Glut ihrer herrlichen Stimme wiederentdeckte. Radio, Plattencharts und MTV setzten Tina Turners Comeback von etwa 1983 an keinerlei Widerstand entgegen. Von dem Leidensweg, der sie auf diesen zweiten Karrieregipfel geführt hatte, war in der breiteren Öffentlichkeit, die ihr jetzt zuhörte, erst wieder 1993 die Rede. Da nämlich brachte der britische Filmregisseur Brian Gibson ihre Geschichte unter dem bei einem ihrer bekanntesten Stücke geborgten Titel „What’s Love Got to do with it?“ ins Kino. Paradox lässt sich sagen, dass Tina Turner seither auch noch den ihr vom Leben zugewiesenen Part der tapferen Überlebenden überlebt hat; den Namen „Turner“ verbinden heute mehr Menschen mit ihr als mit ihrem einst viel berühmteren, größten Förderer, Ausbeuter und Unterdrücker.

          Wenn jemand sich bei Gegenwind und unter Druck geradehält, spricht man oft von „Selbstbewusstsein“. Tina Turner trägt dieses hohe Gut nicht nur im Kopf spazieren, sondern moduliert damit die Frequenzen, in deren Spektrum sie etwa auf „Private Dancer“ (1984) davon singt, was Kunst mit Sichverkaufenmüssen, mit Entfremdung und unverständiger Kundschaft zu tun hat. Leicht war ihr Tanz nie, aber jeder Schritt dieser Tänzerin gehört ihr im Rückblick selbst, niemandem sonst. An diesem Dienstag wird Tina Turner achtzig Jahre alt.

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