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Die Scorpions in Nowosibirsk : Diese Russen haben einfach mehr Tiefe

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Nowosibirsk liebt die Scorpions – und die Scorpions lieben Nowosibirsk. Bild: Mikhail Vaneev

Nowosibirsk liebt die Scorpions – und die Scorpions lieben Nowosibirsk. Jetzt trat die Band abermals dort auf und spielte natürlich auch „Wind of Change“ – als wäre noch immer Wendezeit.

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          Mitten im Gespräch wirft er plötzlich seinen Kopf mit dem grauen Pferdeschwanz in den Nacken und singt: „Time/it needs time/to twin back your love again.“ Igor Schewtschenko, Kardiologe, Gitarrist, Sänger und ehemaliges Mitglied der sibirischen Rockband „Konzilium“, kennt die größten Hits der Scorpions auswendig. Wir treffen uns im Aufnahmestudio der Nowosibirsker Philharmonie, im Obergeschoss des Kammermusiksaals. Das weiße Konzerthaus liegt an der Hauptverkehrsstraße, dem Krasny- Prospekt, und heißt im Volksmund immer noch Dom Lenina (Leninhaus).

          Gebaut im konstruktivistischen Stil der zwanziger Jahre, wurde es nach dem Krieg mit sozialistisch-klassizistischem Dekor überzogen. Gleich findet hier eine Probe statt. Auch Andrej Schennikow ist gekommen, Gründungsmitglied und bis 1998 Bassist der legendären Nowosibirsker Folkrockband „Kalinow Most“. Die Männer in ihren späten Fünfzigern machen immer noch Musik. Zum Scorpions-Konzert will niemand von ihnen. „Meine Tochter geht hin“, sagt Igor. Die ist sechzehn und ein absoluter Fan. „Die Mädchen fanden es immer toll“, brummt der Tontechniker von seinem Mischpult herüber. Damals gab es am Nowosibirsker Institut für Elektrotechnik eine „Rockothek“, dort spielten sie Scorpions und überhaupt Hard Rock.

          Der Sound der Wende im Ostblock

          Dass Hard Rock in Sibirien so ungemein populär wurde, so vermutet der Komponist und Jazzpianist Roman Stolyar, habe mit dem beträchtlichen Aufwand zu tun, an Schallplatten aus dem Westen heranzukommen. Sie kannten unzählige Tricks, die Alben aufzutreiben und sie dann mit großem Gewinn auf dem Schwarzmarkt weiterzuverkaufen. Igor strahlt: „Das Hören von Rockmusik war in der Sowjetunion ein sozialer Akt, und das hatte ganz entschieden mit den abenteuerlichen Vertriebswegen von Schallplatten zu tun. Wenn ich heute die Scorpions höre, denke ich daran, wie ich mit unter meiner Jacke versteckten Schallplatten auf dem Flohmarkt herumlungerte und vor der Polizei wegrannte.“ „Weter peremen“ – Wind of Change –, die Scorpions kamen zur richtigen Zeit nach Russland. Perestrojka, Gorbatschow – Wind of Change war der Hit jener Jahre, der Sound der Wende im gesamten Ostblock.

          Rockstars zum Anfassen: Die Scorpions sind begeistert von ihren russischen Fans.

          Die Scorpions haben den Song auch einmal auf Russisch eingespielt. „Die Übersetzung hat damals jemand in England gemacht“, erinnert sich Klaus Meine, als wir uns einen Tag vor dem Auftritt auf der Veranda eines Restaurants treffen. Ein warmer Frühsommerabend in Nowosibirsk: Kaum ist die Stadt aus ihrer Eisdecke gekrochen, blühen schon die Bäume, auf den Straßen liegt der Staub der Steppe. Das harte Licht erinnert an Kalifornien. Die Metropole am Ob ist in Russland die erste Station der „50th Anniversary Tour“, mit der die Scorpions jetzt noch einmal auf Reisen gehen. Die Bandmitglieder schwärmen von ihren russischen Fans. Sie seien ganz besonders treu und anhänglich und so unkontrolliert emotional, sie weinten immer bei den traurigen Balladen, so dass ihnen, den Musikern, manchmal selbst die Tränen kämen. „Die haben mehr Tiefe, die Russen“, weiß Rudolf Schenker, der seine Lebensgefährtin Tatjana Sazonowa beim allerersten Konzert der Band in Nowosibirsk kennengelernt hat. Beim Abendessen sitzt sie neben ihrem Vater, der aus dem siebenhundert Kilometer entfernten kasachischen Semipalatinsk herübergefahren ist.

          „Sie erwärmen unsere Herzen“

          Schon vor Tagen haben sich Fans am Eingang des Marriott-Hotels postiert. Gleich gegenüber liegt die Oper. Klaus Meine ist ein Name, der jedem Russen akzentfrei über die Lippen geht. Es ist hier der vierte Besuch der Gruppe, aber erst ihr drittes Konzert. 2009 hätten die Scorpions bei der „Monsters of Rock Tour“ spielen sollen, mit Alice Cooper und anderen Haudegen des Rock, doch es gab technische Probleme: Die Open-Air-Bühne brach unter dem schweren Equipment der Metal-Band zusammen, das Konzert musste ausfallen. Nowosibirsk liebt die Scorpions – und die Scorpions lieben Nowosibirsk. „Sie erwärmen unsere Herzen“, steht in goldenen Buchstaben auf einem selbstgebastelten Transparent.

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