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Die Scorpions : Das Rätsel Rock

Mit Druck: die Scorpions 2007 in Lissabon Bild: dpa

Sie stecken in engen Hosen, schütteln die Fäuste in die Kamera, gucken böse und versuchen zu verbergen, dass ihre Haare auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. Für eine letzte Platte noch, eine letzte Tour, dann ist Schluss: Was die Scorpions waren.

          Mit dieser Platte geht die Nachkriegszeit erst richtig zu Ende. Das geschlossene Weltbild. Eine klare Freundfeindkennung. Die Westbindung und die Aussöhnung mit dem Osten. Englisch als erste Fremdsprache. Föderalismus. Heterosexualität. Exportwirtschaft. Geschichte.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diese letzte Platte heißt „Sting in the Tail“, und sie beschließt die Karriere der Hardrockband Scorpions aus Hannover. Seit Freitag ist sie im Handel. Jetzt folgt noch eine umfangreiche Welttour, und wenn die vorbei ist, in zwei, drei Jahren ungefähr, wollen die Scorpions abtreten. Dann werden ihre dienstältesten Mitglieder, der Sänger Klaus Meine und der Gitarrist Rudolf Schenker, beide Mitte sechzig sein.

          Und so, wie es jetzt steht, werden Meine und Schenker und die drei anderen Mitglieder der Band dann immer noch in sehr engen Hosen stecken und die Fäuste in die Kamera schütteln. Sie werden böse gucken und in geschlossenen Räumen Sonnenbrillen tragen; sie werden zu verbergen versuchen, dass ihre Haare auch nicht mehr das sind, was sie mal waren, lang und voll und engelsgleich nämlich; sie werden schwarze Lederjacken anhaben und sich Totenkopfkrawatten umbinden; sie werden also ihren Verächtern allen Anlass dazu geben, sie zu verachten: als Berufsjugendliche, Rocktrottel, als Niedersachsen.

          Mit Druck: die Scorpions 2007 in Lissabon Bilderstrecke

          Sie meinen es so, und zwar alles

          Leider räumt auch „Sting in the Tail“ keines dieser Vorurteile aus. Außen Rosen, innen Posen; Stahl und Lack und Düsternis, Grimassen und gereckte Finger. Jedes dritte Stück variiert das Thema „Rock“. Mal komplexer („Raised on Rock“, „Spirit of Rock“), mal weniger („Let's Rock“). Die Songs sind zeitgenössisch massiv produziert, die Gitarren fett und schwer, Klaus Meines Musicalsirene schrillt hell, es gibt eine Ballade („Lorelei“) und ein zeitgemäßes Antikriegs-/Afghanistanlied („The Good Die Young“), und die Titel dazu klingen, als hätten mindestens sieben andere der Scorpions schon mal genauso geheißen: „Slave Me“ zum Beispiel oder auch „No Limit“. In der sogenannten Tracklist auf dem Rücken der CD sind einige Anfangsbuchstaben rot eingefärbt, zusammen ergeben sie die DNA der Band:

          IT ROCKS.

          Das sind die Scorpions. Auf der Suche nach einem doppelten Boden oder wenigstens etwas Humor, wie ihn zum Beispiel die allseits verehrten AC/DC besitzen, deren Songs auch keine komplexeren Themen behandeln als Rock, Rock und nochmals Rock, stellt man nämlich schnell fest: Die Scorpions meinen es so, und zwar alles. Das Leder mit sechzig, die Fäuste, den Stahl. „Wir fühlen uns wie wir selbst, ohne Umschweife“, hat Matthias Jabs, der andere Gitarrist der Band, gerade in einem Interview über die neue, letzte Platte gesagt. „Raised on Rock“, aufgezogen wie mit Muttermilch: Das wäre das geschlossene Weltbild.

          Selbstzweifel haben sie auch mal probiert

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