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Die Scorpions : Das Rätsel Rock

Ach ja, der Kreml, die Moskwa, Gorki Park. Auch in Russland sind sie sehr beliebt. Das haben sie mit einem anderen Hannoveraner gemeinsam: Gerhard Schröder, den Klaus Meine duzt. Den Eisernen Vorhang haben die Scorpions zwar mit „Wind of Change“ ungefähr so wenig eingerissen wie David Hasselhoff mit „I've Been Looking for Freedom“, aber sie gehörten trotzdem zu den ersten westlichen Rockbands, die in der Sowjetunion auftreten durften. „Unsere Eltern sind mit Panzern gekommen, wir kommen mit Gitarren“, haben sie 1989 auf der Bühne im Moskauer Lenin-Stadion gesagt. Zwei Jahre später lud sie dann Gorbatschow in den Kreml ein: „Die Situation erinnerte mich an das Treffen der Beatles mit der Queen“, sagt Klaus Meine heute. Er sieht die Scorpions schon sehr historisch.

Eine solche Band wird es wohl nicht mehr geben

Und doch: Eine Band, wie seine es war, wird es wohl nicht mehr geben. Trotzdem hinterlassen die Scorpions keine Lücke, in die dringend eine andere Band stoßen würde. Nicht, weil sich deutsche Bands nicht mehr um Erfolg im Ausland scherten: Tokio Hotel zum Beispiel singen ja auch auf Englisch. Und auch nicht, weil kein Mensch mehr Hardrock hören wollte. Die Bedingungen haben sich einfach verändert. Unbeirrt haben sich die Scorpions in den fünfundvierzig Jahren ihrer Geschichte an angloamerikanischen Mustern orientiert, erst am Bluesrock, dann an Black Sabbath, später an Metallica.

Aber angloamerikanischer Rock hat eben nicht mehr die Innovationskraft wie früher. Die ist auf andere Genres übergewandert, auf Hip-Hop zum Beispiel. Die frühen Scorpions verhalten sich zu Deep Purple wie Bushido heute zu amerikanischem Gangsterrap. Da ist die Kopie der Posen, die Angleichung der Lebensverhältnisse, die nicht so richtig aufgeht; da ist die - Was geht, Alter, ich bin unten mit dir, ich komm korrekt - Eindeutschung des Spezialvokabulars, aus der plötzlich wieder Differenz entsteht, Freiheit, neue Wörter. Wenn man es so sieht, dann haben sich die Scorpions also durchaus emanzipiert, aber eben nicht so, wie sie es sich gewünscht hatten.

Blondinen schauen ihnen sehnsüchtig hinterher

Aber dann sieht man wieder diese Föhnfrisuren! Oder das Video von „Big City Nights“, die Scorpions auf Tour, es spielt irgendwann in den achtziger Jahren, ständig laufen die fünf über Rollfelder amerikanischer Flughäfen, Blondinen schauen ihnen sehnsüchtig hinterher, dann rocken sie wieder, sie rocken so hart, biegen den Rücken, recken die Flying V, das ist Rudolf Schenkers Lieblingsgitarre, rocken Seite an Seite, gute Güte - es ist wirklich wie in „This Is Spinal Tap“: Das war die wahnsinnig lustige „Rockumentary“, die Rob Reiner, der später „Harry und Sally“ drehte, vor dreißig Jahren über eine fiktive englische Hardrockband auf Amerikatour gedreht hat.

Spinal Tap sind vier Typen in engen Lederhosen, Leopardenhemdchen und langen, immer dünner werdenden Haaren. Ihr Album zur Tour heißt „Smell the Glove“, es zeigt eine eingeölte, nackte Frau mit Hundehalsband, die auf allen vieren vor einem Mann kniet, der ihr einen schwarzen Handschuh vor die Nase hält. Sexistisch, sagt die Frau von der amerikanischen Plattenfirma, unmöglich, das Cover wird aus dem Handel genommen. „What's wrong with being sexy“, fragt Nigel Tufnel zurück, der Gitarrist von Spinal Tap, gespielt von Christopher Guest.

Und dann schaut man sich das Cover von „Animal Magnetism“ an, einer Platte der Scorpions, die vier Jahre vor „Spinal Tap“ entstanden ist, und weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Mit Motiven, die andere Menschen absurd und lustig finden, bebilderten die Scorpions ihre Welt. Wir leben unseren Traum, haben Klaus Meine und Rudolf Schenker oft über ihre Band gesagt. Er ist bald ausgeträumt.

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