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Die Scorpions : Das Rätsel Rock

Klaus Meine und Rudolf Schenker sind in der britischen Besatzungszone aufgewachsen. Sie lernten Englisch in der Schule und aus Texten ihrer angebeteten Bands wie The Who oder den Yardbirds. Der zugezogene Hannoveraner Heinz Rudolf Kunze hat aus dieser typischen Sozialisation der mittleren Bundesrepublik eine Theorie der kulturellen Besetzung gemacht. Und beklagt, wie gerade in den „Verlierernationen des Zweiten Weltkriegs“, also auch in Japan, „die Flut ausländischer Musik und eben auch ausländischen Schunds besonders widerstandslos geschluckt wird“. Die Scorpions würden so etwas wohl nie sagen. Sie sagen viel lieber, wie Klaus Meine neulich: „Bon Jovi sind bei uns in die Lehre gegangen.“ Aus dem, was die Scorpions singen und spielen, klingt jedenfalls bis heute nichts lauter heraus als der Wunsch, dazuzugehören: Von Anfang an reckten und streckten sie sich nach Westen. Und sie waren natürlich nicht die einzige deutsche Band: die Lords taten das auch, Birth Control und Jane und viele andere, die längst vergessen sind.

Die Scorpions kopierten und verwandelten sich also ihren Vorbildern an, schufen dabei aber eine Rockmusik, die immer knapp daneben lag: Die Gitarrenmelodie von „Still Loving You“ zum Beispiel, das ist eines ihrer bekanntesten Stücke, klingt ungefähr so, als würde sich jemand bei den ersten Noten von Led Zeppelins Klassiker „Stairway to Heaven“ verspielen. Und als die Scorpions einmal auf Deutsch gesungen haben, „Du bist so schmutzig“, hieß der Song, klang das kurioserweise so, als sei es aus dem Englischen rückübersetzt. Ihr eigenes Englisch wiederum ist das der Deutschen Bahn: ein paar Signalwörter, ein bisschen was selbst übersetzt, alles im Bemühen darum, international mithalten zu können. Aus dem, was jetzt der letzte Albumtitel „Sting in the Tail“ genau heißen soll, werden selbst Amerikaner nicht schlau. Ein Skorpion mit Stachel im Schwanz? Oder am? Wieso?

Man lobt sich überhaupt sehr gern

Vielleicht ist es aber genau dieser fremde Effekt, der die Scorpions so erfolgreich im Ausland gemacht hat: Im Osten, vor allem im fernen Osten, in Malaysia oder in Indonesien, waren die Scorpions noch erfolgreicher als im Westen. Ihren Export bilanzieren sie nicht anders als große deutsche Unternehmen. „Wir sind international ganz gut aufgestellt“, hat Rudolf Schenker vor drei Jahren erklärt. (Die Facebookseite der Band dokumentiert im Augenblick sehr schön, was das heißt: „Gabryela, Demetris, Øystein und 1,514 anderen gefällt das“, stand in dieser Woche unter einem Video über die neue Platte, gestern waren es 1537, Maximo und Sana sind auch noch dazugekommen.)

Als die Band jetzt ihre Welttournee ankündigte, sie wird „Get Your Sting and Blackout“ heißen, sagte Klaus Meine: „Damit geben wir dieser ungewöhnlichen Weltkarriere einer deutschen Band einen würdigen Abschluss.“ Meine lobt sich überhaupt sehr gern. „Here comes another song that really turned into one of those all time classics“, so hat er 2007, als die Band im Kreml aufgetreten ist, „Still Loving You“ angekündigt.

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