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Die Scorpions : Das Rätsel Rock

Aus ihm ergibt sich eine klare Freundfeindkennung. Gegen den Schlager, der ihnen aus Radio und Fernsehen entgegenkam, als die Band 1965 gegründet wurde, gegen Disco oder Seltsamkeiten wie Die Ärzte oder Tokio Hotel. Gegen Pop als Ironiemittel und Identitätsspiel und Spaß, als Feinstoff für Träume von einem anderen Ich. Die Scorpions haben das mit der Ironie und dem Pop zwar auch mal ausprobiert, Ende der neunziger Jahre, als nach dem Erfolg von Nirvana alternative Musik, die sich von Selbstzweifeln nährte, sehr populär geworden war und Bands wie die Scorpions aus den Hitparaden drängte. Die Scorpions hatten aber eigentlich keine Selbstzweifel. Trotzdem haben sie sich damals in glänzenden Anzügen und mit Frisuren fotografieren lassen, die nichts Kahles mehr kaschierten, sie haben die Augenbrauen gelupft, zwinkerzwinker, aber es hat nichts genützt: Das nahm ihnen die Außenwelt erst recht nicht ab, und die Innenwelt der Fans war verstört. Danach ging es schnell weiter wie vorher, bis heute, mit Abermillionen verkaufter Platten und Rock, Rock und nochmals Rock.

Es ist schon komisch. Da ist eine Band, deren Weltbild sich aus einer übergroßen Authentizitätsemphase speist. Eine Band, deren Texte vom Überdruss des Alltags handeln, bis Freitag ist und man sich nicht mehr verstellen muss im Büro oder auf dem Bau, die Karre noch schnell aufgebockt wird, die Öfen glühen, und es dann mit Uschi, Moni, Berndchen, Lalle und Kalle die dreizehn Kilometer bis zur nächsten Kneipe in die Nacht geht. Eine Band, deren Texte nichts als kontrollierte Normverstöße beschwören, Rollenprosa über „Big City Nights“, heiße Weiber und Asphaltcowboys: „Stranded in this town / my machine slows down“, sang Klaus Meine einmal, aber eben nicht nur einmal.

Ein Esperanto aus Radio und Wörterbuch

Doch seit vierzig Jahren läuft diese Band in Uniform herum und spielt vor Menschen, die sich für Konzerte ebenfalls verkleiden und wohl nie in die Disko gegangen sind. Auf diesem Missverständnis fußt der Erfolg der Scorpions oder auch der von Whitesnake und von Bon Jovi. Auf dem Geheimnis, aus dieser Gegenwelt immer wieder zurückkehren zu können. Genau wie aus der Disko und dem Fummel.

Eigentlich ist nämlich gar nichts an den Scorpions authentisch. Dass sie es aber so penetrant behaupten, dass sie wie Rudolf Schenker jetzt von „attitude“ reden, von Haltung und Markigkeit, macht es so anstrengend. Dabei beginnt es schon mit der Sprache kompliziert zu werden, in der sie singen, weil die nicht das eine und nicht das andere ist: sondern ein Esperanto aus Radio und Wörterbuch, Textmaterial für künftige Doktorarbeiten aus den Postcolonial Studies oder der Auslandsgermanistik, die sich mit der Differenz beschäftigen werden, mit dem Raum zwischen den Sprachen, in dem sich die Scorpions bis heute bewegen, wie jede deutsche Band, die auf Englisch singt (die Gender Studies kümmern sich dann um die engen Hosen und die Schminke).

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