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Sängerin Ala.Ni : Küsse wie diese kommen nie aus der Mode

Große Stimme, großer Auftritt: Ala.Ni Bild: Ira Rokka

Mit Glanz und Grazie schafft die britische Sängerin Ala.Ni einen Zeitsprung von siebzig Jahren – und bleibt doch Diva der Gegenwart. Das wird auch deutsche Zuhörer begeistern.

          2 Min.

          Ein altmodischer Kuss allein reicht aus, und der jungen Dame wird selbst im Winter heiß? Wenn Ala.Ni dieses schlichte Geständnis singt, ist ihr Song „Ol’ fashioned Kiss“ gerade einmal fünfzehn Sekunden alt. Doch diese haben genügt, um auch ihrem Publikum das Herz vorzuglühen: Ein schlichtes „Ba-ba-doum, ba-ba-doum“ singt sie eingangs vor sich hin, als wäre sie ganz allein auf der Welt - und weiß doch genau, dass jemand zuhört. Zumindest der Liebste, dem sie im Folgenden aufzählt, wo, wann und wie sie gern von ihm geküsst wird. Ein Fingerschnipp, eine Jazzgitarre wie aus alten Zeiten, später eine zweite, diskreter Gesang im Hintergrund: Es braucht nicht viel, um den Zauber dieses kleinen Liedes zu entfalten. Und doch einiges: Es braucht Geschmack, Lust an Luftigkeit, Musikalität und Witz.

          All das bringt Ala.Ni im Übermaß mit. Und dazu eine Kreativität, die sich auf kein Genre festlegen lässt. Nicht einmal auf eine Sparte. Die in Paris lebende britische Sängerin mit den karibischen Wurzeln bekam schon im Alter von drei Jahren Ballettunterricht, vier Jahre später war sie in Werbespots, Pop-Videos und Musicals zu sehen. Sie war Backgroundsängerin bei Andrea Bocelli, Damon Albarn und Mary J. Blige, studierte Filmschnitt, versuchte sich in der Mode und zeigte 2011 eine erste Kollektion in der London Fashion Week.

          Einfach einmal die Zeit anhalten

          Gerüche, Geräusche, was sie sieht und fühlt, bringe sie auf Ideen, antwortet Ala.Ni, wenn man sie fragt, wie sie herausfindet, in welche künstlerische Richtung sie ein Einfall führt. Sie verbringe viel Zeit mit Tagträumen: „Wenn eine Idee gut ist, werde ich von ihr träumen.“ Bei ihren Großeltern auf der Antillen-Insel Grenada habe sie die Zeit dazu - und das iPad, ein eigentlich ungeliebtes Weihnachtsgeschenk ihrer Mutter kurz vor der Reise, dort die Möglichkeit gehabt, gleich erste Fassungen ihrer musikalischen Einfälle a cappella aufzunehmen.

          Die zehn Lieder, die Ala.Nis im Juni veröffentlichtes Debüt „You & I“ versammelt, wirken im doppelten Sinn wie aus der Zeit gefallen: mit ihren eng geführten Gesangssätzen, ihren Melodien und Harmonien, mit der Instrumentierung erinnern sie an die vierziger Jahre - und wirken doch seltsam gegenwärtig in ihrer Haltung und ihrem Hintersinn. „Wir, als Welt, sind zu weit gegangen“, findet die Sängerin, „zu schnell, zu früh. Deshalb hatte ich das Bedürfnis anzuhalten und in der Zeit zurück zu reisen.“

          Ihr eigenes Spiel mit Präsenz und Weltverlorenheit

          Unerwartete Hilfe dabei fand sie zufällig auf Grenada: den Münchner Komponisten und Sounddesigner Michael Meinl, der ihr am Strand von seiner Sammlung alter Mikrofone erzählte, sie zum Ausprobieren in sein Studio einlud und mit einem Bändchenmikrofon aus den Dreißigern bekanntmachte. Dass ihr Gesang an Billie Holiday erinnert, mag auch damit zu tun haben: Mit dem RCA 44-BX hat Ala.Ni den Klang gefunden, den sie aufnimmt - und mit dem sie auftritt.

          In dieser Woche kommt die Sängerin für vier Konzerte nach Deutschland. Sie werde hier auch etwas von Marlene Dietrich singen, erzählt sie. Und so unterschiedlich die beiden Sängerinnen ihrem Aussehen nach auch sind: Der Vergleich hat seinen Reiz. Und seine Berechtigung: Wer weiß, was Ala.Ni in ihrem ganz eigenen Spiel mit Präsenz und Weltverlorenheit von der Diva aus Deutschland gelernt hat? Filmische Assoziationen liegen bei ihrer Musik jedenfalls auf der Hand: Viele Lieder könnten aus einer der zahllosen Schwarzweißszenen stammen, in denen hinreißende Frauen traumverloren durch abendliche Gärten schlendern und dabei vor sich hin singen, von verzauberten Ohren und Augen begleitet. Oder von frühen Disney-Prinzessinnen, nur dass Ala.Ni mit Haut und Haar an Ebenholz erinnert.

          So mühelos sie jahrzehntealte musikalische Muster ins Heute holt und mit Glanz und Grazie vorträgt, als könnte der Zeitsprung ihnen nicht das Mindeste anhaben, so wenig ist die Sängerin der Vergangenheit verhaftet. Zumindest keiner bestimmten: Sie arbeite, erzählt Ala.Ni, gerade mit dem kalifornischen Produzenten Adrian Younge, der für seine Vorliebe für Sounds der frühen Siebziger bekannt ist, an einer Mischung aus Hip-Hop, Psychedelic, Spaghettiwestern, Fleetwood Mac und Minnie Riperton. „Es ist Zeit für Beats und Bass“, sagt Ala.Ni. Und auch in diese Zeit wird ihr Publikum ihr mit Freuden folgen.

          Mit ihrem RCA 44-BX Ende Juli in Luzern

          Vier Konzerte von Ala.Ni

          Dienstag, 20. September: Milla, München
          Mittwoch, 21. September: Zakk, Düsseldorf
          Donnerstag, 22. September: Brotfabrik, Frankfurt
          Freitag, 23. September: Reeperbahn Festival, Hamburg

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