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Pop-Sängerin Christine : Die Blumen welk, der Liebhaber kalt

  • -Aktualisiert am

Was gibt’s denn da zu lachen? Egal, Héloïse Letissier findet schon einen guten Grund. Es gibt ja viele, gerade für sie. Bild: Jens Gyarmaty

Drei Drag Queens gaben ihr den Rat, das Theater hinter sich zu lassen. So wurde aus der Kindfrau Héloïse Letissier die Sängerin Christine. Frankreich hat sie schon erobert, jetzt ist Deutschland dran.

          Der Vergleich mit Stromae liegt nahe, das weiß sie selbst. Also wischt sie sich in einer vermutlich nur ironisch gemeinten Geste kurz mit der rechten Hand über die linke Schulter, wagt einen koketten Augenaufschlag und sagt: „Bon, merci.“ In einem Atemzug mit dem mittlerweile sehr erfolgreichen Sänger genannt werden, der vor ein paar Jahren von Brüssel auszog, um mit seinem französischen Elektro-Rumba-Tango-Pop erst die europäischen und bald auch die amerikanischen Discos zu erobern, will Héloïse Letissier aber dann lieber doch nicht. Es stimmt, man konnte sie bei seinen Konzerten im Vorprogramm sehen. Und, ja, sagt sie, vielleicht habe Stromae mit seiner Art, das Musikmachen als fortlaufende Grenzübertretung zu betrachten, Leuten wie ihr auch den Weg geebnet. Aber, nein, der Vergleich verbiete sich, obwohl sie dem Meister aus Belgien noch in diesem sichtlichen Bemühen um Bodenhaftung viel ähnlicher ist, als sie zu merken scheint.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn Héloïse Letissier, die sich als Sängerin „Christine“ nennt, ist auf gutem Weg, das Gleiche zu erleben wie Stromaé. Der Anfang ist schon gemacht. Im Nu hat es sie herausgehoben aus der Flut all jener, die ihre selbstgebastelten Musikvideos auf Youtube posten - erst auf die Titelseite eines französischen Musikmagazins, dann in ein Londoner Studio, auf größere Festivalbühnen, in neue Städte, andere Länder und - als vorläufigen Höhepunkt - in den Festsaal der „Victoires de la musique“, der wichtigsten Auszeichnung, die Frankreichs Popmusikbranche zu vergeben hat.

          Nicht die Stimme

          Da stand sie vor ein paar Tagen: sehr klein, sehr zierlich und sehr streng anmutend in ihrem schwarze Sakko und den schwarzen Halbschuhen, die ihr jene Androgynität verleihen, mit der auch Stromae gerne spielt. Als „beste Künstlerin“ wurde sie ausgezeichnet, ihr Video zu „Saint Claude“ zum besten des vergangenen Jahres gewählt. Und damit muss Héloïse Letissier nun zurechtkommen.

          Sie tut das mit größtmöglicher Offenheit, indem sie also auf alle Fragen antwortet, als gelte es, jeden Anflug von Prätentiosität schon im Keim zu ersticken. Sängerin werden? Wollte sie eigentlich gar nicht. Ihre Stimme? Mochte sie nie besonders. Man kann tatsächlich nicht sagen, dass es ihre Stimme ist, die sie von anderen unterscheidet. Christine kann röhren wie in „iT“ und sich kleinmädchenhaft durch eine Ballade schlängeln wie in „17 à 52“. Aber immer dann, wenn ihr nun auch in Deutschland erschienenes Debütalbum „Chaleur humaine“ leise wird, vermeidet Christine stimmliche Ausflüge in große Höhen oder Tiefen.

          Noch mehr Liebe

          In dieser wohlüberlegten Zurückhaltung erinnert sie an eine Reihe anderer französischer Sängerinnen, etwa an Charlotte Gainsbourg, Vanessa Paradis und die jüngere Carla Bruni, an Frauen mithin, denen es immer wieder mit Hilfe klug komponierter und vor allem produzierter Alben gelungen ist, ihre eigentlich überschaubaren Sangeskünste klangvoll zu verschleiern. Deren Musik hat diese Art des Arrangements nicht geschadet. Im Gegenteil hörte man die Platten dieser Sängerinnen gerade deswegen so gern, weil sie vieles in einem sein mussten. Weil sie sich bei elektronischer Musik ebenso bedienten wie bei R & B, Hiphop und französischen Chansons und somit in jedem Takt offenbarten, dass ihnen nichts heilig war.

          Das alles gilt auch für die Musik von Christine. Den elf Liedern ihres Albums ist allerdings nicht nur eine noch größere Liebe zu diesem feinen Beat anzumerken, der die Besucher ihres einzigen Deutschland-Konzertes kürzlich in Berlin sofort von den Stühlen hob, die man ihnen seltsamerweise hingestellt hatte. Ihre Lieder unterwandern den eigenen Rhythmus immer wieder auch mit Details, die einen fließenden Refrain wie jenen in „Ugly-Pretty“ beispielsweise - dieses elegische „These flowers are sold / this lover is cold / the hour is gone / the colour is wrong / and I want more / than just a sip of it all“ - am Ende in ein Stakkato verwandeln, das dem hier besungenen Zweifel eine klangliche Form schenkt. Deswegen hat Christines Musik mit der französischen, den Text höher als die Musik schätzenden Chansontradition nicht mehr viel zu tun. Auch wenn diese Referenz reflexartig auftaucht, wann immer jemand wie sie einfach englische und französische Texte, Gesang und Sprechgesang miteinander mischt.

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