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Konzert der Band Bilderbuch : Wenn sich Wal auf Aal reimt

  • -Aktualisiert am

Bis auch der Letzte mitschreit: Bilderbuch beim Import ihres Euphorie-Konzepts in die Schweiz Bild: Neven Allgeier

Die österreichische Band Bilderbuch eilt mit guter Laune von Erfolg zu Erfolg. Da macht es auch nichts, wenn, wie beim Konzert in Zürich, die Bühne zu klein ist.

          Bevor das Konzert beginnt, läuft Musik, wie sie Jean-Michel Jarre Mitte der Siebziger Jahre auf monströsen Synthesizern und vor Millionenpublikum spielte. Die meisten, die am vergangenen Freitagabend ins Züricher X-Tra gekommen sind, um die österreichische Band Bilderbuch zu hören, waren noch lange nicht geboren, als der französische Elektropionier seine besten Tage erlebte. Aber der atmosphärische Sound passte erstaunlich gut zu den Hipstern, die sich als Fangemeinde von Bilderbuch identifizieren. In hellen, zu weiten Jeans und knalligen Trainingsjacken standen sie herum, tranken aus Plastikbechern Bier.

          Und als es losging, war Jarre schlagartig wieder vergessen und Vergangenheit: Die fünf Musiker von Bilderbuch dulden kein Abschweifen der Gedanken, keine Ablenkung von sich. Ein Konzertbesucher wird am Ende des Abends feststellen, dass sich Frontmann Maurice Ernst auch als Sektenführer gut machen würde, und das ist höchstens ein bisschen übertrieben. Immer wieder treibt er die Menge mit sichtbarem Vergnügen zu noch verrückterem Geschrei und noch wilderer Ausgelassenheit.

          Zwischen den Songs hält der Sänger und Gitarrist in der glänzenden Hose das Programm so lange auf, bis auch der Letzte in der nicht ganz ausverkauften Halle sich die Seele aus dem Leib schreit. So versetzt die Band ihr Publikum und sich selbst in Euphorie. Die Laune, die Bilderbuch sich und dem Publikum mit diesen Mitteln erarbeiten, ist so ungetrübt positiv, dass es eigentlich schon etwas naiv wirkt. Lustvoll spielen die fünf ihre Songs, die die Lust ihrerseits nicht selten zum Thema haben. Ob da nun jemand hinter jemand anderes Hintern her ist wie in „Schick Schock“ oder ein Date in die Aufforderung zum Einsteigen in die „Maschin“ mündet, Sex ist an diesem Abend ein allgegenwärtiges Thema. Kein Wunder, dass die Stimmung während des Konzerts ekstatisch ist.

          Bilderbuch sind ein sonderbares Phänomen. Gegründet wurde die Band 2005 im oberösterreichischen Kremsmünster, wo seit 777 ein bedeutendes Benediktinerstift steht, dessen Gymnasium einst Adalbert Stifter besuchte. Das erste Album erschien 2009 und zeugt davon, wie die Indie-Rock-Welle damals von Großbritannien auf das Festland herüberschwappte. Die knatternden Basslinien und stampfenden Grooves hören sich an, als hätten die vier Jungspunde direkt bei den Musikern von Franz Ferdinand gelernt, um dann bei den Klaxons Weiterbildungen zu absolvieren. Schon damals waren Bilderbuch jedenfalls eine solide Band, inmitten der Flut von talentierten englischen Bands fanden sie allerdings zunächst nur wenig Gehör.

          Obszöne Texte?

          Das änderte sich erst ein paar Jahre und einen bemerkenswerten Stilwandel später. Auf der 2014 veröffentlichten EP „Feinste Seide“ sind zwar noch dieselben Instrumente zu hören, aber sie könnten jetzt ebenso gut aus dem Computer kommen. Schwere Gitarrenriffs und donnernde Schlagzeugsoli sind nicht mehr so wichtig. In den Fokus gerückt ist eine lässige, erotisch aufgeladene Elektromusik, die sich auch auf der Tanzfläche gut macht. Und mit dem Stil haben sich Bilderbuch auch gleich ein neues Publikum ausgesucht. Seit ihrem Stilwechsel spricht die Band bewusst nicht mehr nur Jugendliche, sondern ein anderes Publikum an – Mittzwanziger, wie sie auch in Zürich die Halle füllten. Es sind junge Leute, die ihre Wochentage vermutlich an den Instituten geisteswissenschaftlicher Fakultäten zubringen und sich gerne auch mal selbstironisch geben. „Ich lese Proust, Camus und Derrida/Mein Schwanz ist so lang wie ein Aal/Deine Mutter so dick wie ein Wal“, singt Maurice Ernst auf „Feinste Seide“.

          Ist das nicht obszön? Ein bisschen schon, aber natürlich auch nicht, denn es hat ja Konzept und ist so gewissermaßen in Anführungszeichen gesetzt. Es ist immer nur ein Spiel und darum harmlos, selbst wenn die Pantomimen des Frontmannes unzweideutig sind. Pop heißt dieses Spiel, und Bilderbuch beherrscht es einwandfrei. Ein zweiter Perkussionist lässt richtige Konzert-Atmosphäre aufkommen, was bei Bands, die viel mit Computern arbeiten, längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und wenn es schon beim zweiten Lied, „Mein Herz bricht“, herzförmige Konfetti von der Decke regnet, ist klar, dass die Show ein Erlebnis werden wird. Auch wenn die Bühne in Zürich etwas zu klein war für die Show von Bilderbuch – eine Treppe und ein aufblasbarer Saturn mussten zu Hause bleiben.

          Maurice Ernst scherzte darüber mehr als einmal und stachelte das Publikum dazu an, die Kleinheit der Stadt und der Bühne mit lärmigem Enthusiasmus wettzumachen. Dass es gelang, versteht sich von selbst. Während der bevorstehenden Open-Air-Saison werden dann Bühnen und Publikum bestimmt größer sein. Jean-Michel Jarre, der 1990 in Paris immerhin vor zweieinhalb Millionen Menschen gespielt hat, würde sich ins Fäustchen lachen. Aber den kennt hier ohnehin niemand mehr.

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