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Britischer Rapper Slowthai : System kaputt, Leute okay

  • -Aktualisiert am

In der Mitte: Slowthai Bild: Picture-Alliance

Auf seinem frustriert-aggressiven Debüt hat Slowthai ein kaputtes Brexit-Großbritannien beschrieben. Mit dem neuen Album „Tyron“ wendet sich der Rapper jetzt dem nächsten Problem zu: dem Zeug im eigenen Kopf.

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          Vor ein paar Jahren überlegte Slowthai, damals war das noch mehr ein Spitz- als ein Künstlername, welchen Satz er im Leben am meisten gesagt hatte, und den ließ er sich auf die Brust tätowieren. „Sorry Mum“ steht da seitdem oben am Brustbein. Sorry für Schuleschwänzen, Drogen, Pub-Schlägereien und Ausflüge auf gezockten Motorrädern. Sorry für dieses Tattoo und alle anderen. Sorry, weil immer zu wenig Dankbarkeit. „Northampton General 1994/Mixed race baby born / Christmas, well a week before / Mum’s 16/Families poor“, so beschrieb Slowthai mal seinen Start ins Leben. Ein herzliches Willkommen klingt anders, kalt war es, ärmlich, und als Einlaufmusik kamen bloß die Jingles vom Weihnachtsschlussverkauf.

          Man kennt sie, die uralte Underdog-Geschichte. Tausendmal gehört, immer wieder super. Vielleicht wurde sie nie besser erzählt als in der Hiphop-Version von den Söhnen alleinerziehender Mütter, von den Außenseitern, die zu Rap-Stars wurden. Dass auch Slowthai mit sechsundzwanzig eine Aufstiegsgeschichte erzählen kann, ist das eine – aber wie er diese seine Geschichte erzählt hat, damit sie am Ende wirklich stimmt; dieses Wie ist das eigentlich Bewundernswerte.

          Slowthai, bürgerlich Tyron Frampton, bekam seinen späteren Künstlernamen, weil der kleine Ty so langsam redete. Als der Rapper sein 2019 erschienenes Debüt- und Durchbruchalbum „Nothing Great About Britain“ aufnahm, wusste er logischerweise von den Traditionen, in denen ein rappender britischer Provinztyp steht, der vom Aufwachsen mit den lads zwischen Pint und Playstation erzählt. Den Jungsalltag und seine Dramen hatte schon ein Musiker wie Mike Skinner (als The Streets) vor bald zwanzig Jahren mit viel Genauigkeit, Charme und einem Englisch beschrieben, dessen Vokabeln im „Oxford English Dictionary“ meistens den Zusatz „beleidigend“ haben.

          Wirklich unüberhörbar ist bei Slowthai daneben auch der Einfluss von Punk und Grime. Die Aggro-Energie, den Druck, die Lust am Lärm, die hat er von dort und ja, auch das Politische. Denn „Nothing Great About Britain“ ist untrennbar persönlich und politisch, die nostalgische Erinnerung eines Sozialbaukinds an die Jungs und die Jugend – und seine Anklage wegen ihrer Zukunftslosigkeit: Slowthai vs. UK. Von wo aus könnte man trotziger die „Höhlenmenschen-Mentalität“ der Brexiteers beklagen, wie Slowthai das getan hat, als an einer Bushaltestelle in seiner Heimatstadt Northampton, die mit sechzig Prozent für den Austritt gestimmt hat?

          Dieser Mix aus Mikrokosmos Pub und wahnsinnig machender Weltpolitik, aus Wut und Depression, aus Rap und Punk hat Slowthai eine Reihe Chart-Erfolge und Nominierungen für Preise eingebracht, sowohl für den britischen Mercury Prize als auch in den Vereinigten Staaten für die Grammys, dazu Gastauftritte auf den Alben der Comic-Helden-Gruppe der Gorillaz und des kalifornischen Rap-Stars Tyler, The Creator.

          Am Ende bekam er den Mercury Prize nicht, aber auch nichts bekam bei der ganzen Preisverleihung 2019 so viel Aufmerksamkeit wie Slowthai für seinen Auftritt, als er auf die Bühne kam, um den Hit „Doorman“ zu spielen, und als Symbol für alle Türsteher, die einen wie ihn nie ganz reinlassen werden, einen abgeschnittenen Kopf von Premierminister Boris Johnson hochhielt.

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