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Britischer Rapper Slowthai : System kaputt, Leute okay

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Stolzer Hass auf die Repräsentanten des Königreichs ist selbst wieder eine sehr britische Tradition. Bei Slowthais Konzerten hängt zwar oft ein Union Jack über der Bühne, aber man weiß nie, ob das Hohn ist und ob er gleich brennt. Dem verhassten Populismus begegnet Slowthai mit seinem privaten Gegen-Populismus. Als Werbung fürs Debütalbum ließ er in Städten spiegelnde Plakate aufhängen, in denen die Vorbeigehenden sich selbst sahen unter der Überschrift: „Something Great About Britain“. Slowthai ging auch schon auf die „99p“- und die „Bet ya a £ 5er“-Tour, deren Tickets genauso wenig kosteten: 99 Pence beziehungsweise fünf Pfund.

Diese „Ich bin einer von euch“-Gesten haben Slowthai zum Klassensprecher einer jungen Arbeiterklasse gemacht, die immer weniger Arbeit und immer mehr Überwasserhaltejobs hat, der Masse der Kaputtgesparten und Wegrationalisierten. Das alte Dilemma ist es, dass er mit jedem Hit über sie ein bisschen weniger zu ihnen gehört.

„Einerseits ist so ein Titel etwas Positives“, sagt Slowthai bei einem Zoom-Gespräch über seine Rolle als Sprecher einer Schicht. „Ich spreche für Leute, die unterprivilegiert sind und nicht meine Möglichkeiten haben. Ihre Welt ist das, was ich kenne und in mir ist. Aber es ist auch bloß ein Titel. Ich kann und will nicht kontrollieren, wer meine Musik aus welchen Gründen hört. Ich bin ja kein Diktator. Wer immer sie braucht, dem gehört sie.“

Hinter ihm an der Wand hängt ein pixeliges Fußballtrikot, vage ist das Getränkedosen- und Kabeldurcheinander eines Kellerstudios zu erkennen. Hier, im Haus seiner Mutter in Northampton, hat Slowthai mit seiner Freundin einen Großteil des Pandemiejahrs verbracht und sein zweites Album „Tyron“ aufgenommen. Manchmal genieße er die Zwangsruhe sogar ein bisschen, sagt er, kochen habe er gelernt, und er habe aufgehört zu trinken. Fürs Ende eines Interviewtags als Zoom-Kachel hat er erstaunlich viel Energie, immer mal wieder gestikuliert er sich halb aus dem Bild raus, ohne insgesamt wahnsinnig viel zu sagen. „Ich spreche nicht so gern darüber, was Songs für mich bedeuten oder wie ich etwas meine. Die beste Kunst bedeutet doch dir etwas ganz anderes als mir.“

Große Buchstaben, kleine Buchstaben

Stimmt, aber das sind nicht so gute Voraussetzungen für ein Interview über seine Musik. Ein bisschen was erzählt er dann natürlich doch und noch mehr auf dem Album selbst. Das nach seinem Vornamen benannte „Tyron“ ist das, was man ein Konzeptalbum nennt. Die erste Hälfte der vierzehn Songtitel, in Großbuchstaben geschrieben, setzt da an, wo das Debüt aufgehört hatte. Harte, basslastige Musik, um sich durch einen Club zu schubsen oder zumindest mal wieder die Wohnung aufzuräumen. Gleich am Anfang taucht die Grime-Legende Skepta auf, einer der Begründer des schnellen, elektronischen Hiphop-Subgenres aus Großbritannien, das in den letzten Jahren mit Stars wie Stormzy ein Revival erlebt.

Den gemeinsamen Song „CANCELLED“ kann man mit seinem provozierenden Refrain als Antwort verstehen auf Slowthais Mini-#MeToo-Moment vor einem Jahr, als bei der Preisverleihung der „NME Awards“ einem betrunkenen Slowthai ein Sketch mit der Komikerin Katherine Ryan verunglückte und er nicht merkte, dass der Spaß irgendwann vorbei war, und er immer unangenehmer darauf drängte, dass man sich später doch noch im privaten Rahmen treffen könne. „How you gonna cancel me?“, fragt Skepta jetzt im neuen Song stellvertretend in den Shitstorm von damals hinein. Slowthai hat sich für das, was ein buhendes Publikum als Belästigung empfand, bei Ryan entschuldigt. Die erwiderte trocken: So ein „süßer Junge“ könne mit ein bisschen Pöbelei mit Sicherheit keine Komikerin in Bedrängnis bringen.

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