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Black-Midi-Konzert in Zürich : Du spielst nur Gitarre, um deine Mutter zu quälen

  • -Aktualisiert am

Black Midi: Die Londoner Band backstage im Musikclub Bogen F, Zürich. Bild: Benjamin Rauber

Können diese jungen Engländer die Gitarrenrock retten? Beim Konzert der Band Black Midi in Zürich sieht das so aus: Nach viel Lob für das Debüt „Schlagenheim“ wir sie nun auch live gefeiert.

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          Alle waren sie da. Jene, die noch die wilden Tage der Zürcher Punkszene erlebt hatten, und die, die an der Bar noch nicht einmal harten Alkohol ausgeschenkt bekommen. Die Szeneintelligenz, die Gymnasiasten und die Lederjackentypen. Alle waren da und hielten sich die Ohren zu – die Alten aus Erfahrung, die Jungen erst recht –, und alle waren sie völlig baff über das, was sich da keine zehn Meter vor ihren Augen abspielte.

          Black Midi sind die neusten Lieblingsschüler der Musikpresse. Ihr Album „Schlagenheim“ wurde sehnlichst erwartet und im Juni dann in alle erdenklichen Höhen gelobt. Manche Kritiker haben die Hoffnung geäußert, dass die vier Männer, von denen selbst keiner älter als 20 ist, dem hüben wie drüben mit Pop verdünnten Rock wieder zu mehr Substanz verhelfen würden. Dass sie das altbackene Genre erneuern würden. Ja, sogar dass sie die Gitarrenmusik insgesamt retten würden. Dass diese Hoffnung mehr als berechtigt ist und dass die Band bald auch zum Liebling eines größeren Publikums werden dürfte, das beweisen die vier Engländer an Konzerten wie nun am Montag in Zürich.

          Für gewöhnlich ist es mit Konzerten am ersten Wochentag ja ein bisschen so wie mit den Kinovorführungen am Nachmittag: Es gibt sie halt, und ein paar Leute gehen dann auch immer hin, aber irgendwie lustlos. Oft genug bleibt die Stimmung bei solchen Anlässen verhalten. Aber nicht so Anfang Woche im kleinen Lokal mit dem pragmatischen Namen Bogen F. Es liegt unter der Eisenbahnbrücke, die eine Schneise in das einstige Zürcher Industriequartier schlägt. Früher wurden in nächster Umgebung Schiffsmotoren gebaut und Zahnräder gegossen, die Abfallverbrennungsanlage steht einen Steinwurf entfernt. Und immer noch holpert im Viertelstundentakt eine Regionalbahn über das Viadukt und lässt die Wände unten im Club erzittern. Diese rauhe, industrielle Umgebung stellte sich als der geradezu perfekte Hintergrund für den harten, schnellen und schmutzigen Sound von Black Midi heraus.

          Nur ein kurzer Wechsel in der Pausenmusik kündigt den Beginn des Konzerts an. Dann donnert die Band sogleich ohne großes Hallo los – ohne Applaus oder sonst einen Empfang vonseiten des Publikums abzuwarten. Die ersten getrommelten Takte überrollen einfach alles, was vorher Schall gewesen war, und werden ihrerseits noch von kreischenden und knatternden Gitarren übertönt. Da ließ sich wieder einmal nachvollziehen, was Roger Waters meinte, als er auf „Welcome to the Machine“ einem jungen Musiker unterstellte: „You bought a guitar to punish your ma“.

          Roh, brutal und eigenwillig

          Dieses Instrument ist die reinste Gewalt, wenn Sadisten wie der unscheinbare Geordie Greep es in die Hand nehmen. Da ist dann nichts mehr mit fröhlichen Liedchen und Trallala, wie andere Zeitgenossen es praktizieren. Black midi sind roh, brutal und zur gleichen Zeit anspruchsvoll und eigenwillig. Zwar Musik lädt die Musik im Konzert durchaus zum Tanzen an, bleibt aber unvorhersehbar, sodass der Tanz ziemlich abgehackt ausfällt. Denn eine Einteilung in so etwas wie Strophen und Refrains kennen die Stücke nicht, eher so etwas wie Stimmungsschwankungen. Gesungen wird hie und da, aber offensichtlich mehr um des Gesangs und seiner Melodie willen. Der Text ist kaum zu verstehen (auch auf den Aufnahmen nicht), und die Songs tragen auch mal so kryptische Namen wie „bmbmbm“, „952“ oder „Near DT, MI“.

          Wo die vier Londoner diese Härte hernehmen, ist nicht auszumachen. Ihre erstaunliche Präzision dürfte allerdings daher rühren, dass die vier Bandmitglieder sich auf der berühmten Musikschule „BRIT“ kennengelernt haben und ausgebildete Instrumentalisten sind. Schon Adele, Leona Lewis, Amy Winehouse und andere Popsternchen bekamen in der Londoner Talentschmiede ihre Ausbildung verpasst. Im Unterschied zu denen scheint das Rockquartett aber auch tatsächlich in den Kursen gewesen zu sein. Ständig wechseln sie auf ihrem Album, aber auch während des Konzerts, Rhythmus, Phrasierung und Lautstärke, ohne dass auch nur ein Moment lang der Eindruck entstünde, dass da improvisiert wird. Die Show ist perfekt organisiert und ohne Fehl und Tadel umgesetzt.

          Verkopft wirken Black Midi deswegen aber nie. Im Gegenteil verkörpern sie genau die Art von Attitüde, die nicht wie eine Attitüde daherkommt (und natürlich doch eine ist). Die Band kommt komplett ohne Ansagen zwischen ihren Songs aus, weil ihnen klar ist, dass die Songtitel mit der Musik ohnehin nichts zu tun haben. Sie tun nicht so, als hätten sie eine Botschaft zu verbreiten oder als bedeutete ihnen ausgerechnet dieser Abend etwas Besonderes. Black Midi sind vier Personen, auf der Bühne sind ebenso viele Instrumente zu sehen. Keine Computer, kein exaltiertes Gitarrewechseln, kein Hüsteln und „danke, danke“. Black Midi stehen für reine Rockmusik und werden in Zeiten von sorgfältig produzierten Massenphänomenen gerade deshalb gefeiert. Und als eine Stunde abgelaufen und Publikum so richtig in Feierlaune ist, geht der Abend abrupt zu Ende, es gibt noch nicht einmal eine Zugabe. Das wäre der Band wohl zu berechenbar und gewöhnlich gewesen. „Shut up and play yer guitar“, hat der weise Frank Zappa dieses Prinzip genannt. Und Black Midi erweisen ihm alle Ehre.

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