https://www.faz.net/-gqz-8lvk1

Die Band Mashrou’ Leila : Wie klingt eigentlich Jazz aus Beirut?

  • -Aktualisiert am

Die Beiruter Band Mashrou’ Leila kommt im Oktober für mehrere Konzerte wieder nach Deutschland. Bild: Saeed Aman

Und warum erhält man damit Auftrittsverbot in Jordanien? Die Avantgarde-Band Mashrou’ Leila eröffnet am Sonntag das Festival „Enjoy Jazz“ in Heidelberg.

          4 Min.

          Im Frühling haben Sie zum ersten Mal in Deutschland gespielt, in Berlin. Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Berlin und Ihrer Heimatstadt Beirut?

          Es gibt Ähnlichkeiten: eine Stadt, die in Ost und West geteilt wurde, die Stellvertreterrolle, ein Konflikt, der Auswirkungen auf Regierungen weit jenseits der Landesgrenzen hatte. Die Nachwirkungen dieser Konflikte sind allerdings ganz andere, beide Städte haben unterschiedliche strukturelle Schwierigkeiten.

          Beirut galt einmal als Ort mit einer besonderen Energie und Atmosphäre, die Künstler der Region inspirierte und förderte - ganz ähnlich Berlin heute, auch wenn sich die künstlerische Produktion und Ästhetik nicht vergleichen lassen.

          Augenfällig ist die Ähnlichkeit, mit der die Bewohner beider Städte mit der Architektur der Trennung umgingen. Die Berliner eigneten sich die Mauer über Graffiti wieder an, „schändeten“ das Trennungssymbol mit Zeichen des Widerstands. Ähnliches passiert im Libanon, in dem Protest durch politische Graffiti und Street Art geäußert wird.

          Auf Ihrem neuen Album „Ibn El Leil“ („Sohn der Nacht“) geht es um Liebe und Eskapismus. Gleichzeitig werden die Songs aber als sehr politisch wahrgenommen.

          Nabokov meinte, Autoritäten sei bewusst, dass kreatives Denken ein erster Schritt zur Revolution darstellt und Künstler immer vom Politischen angezogen werden. Eine romantische Interpretation wäre es zu sagen, dass Künstler Freigeister sind und Sehgewohnheiten durch Kunst erweitert werden. Für uns, die wir in Beirut aufgewachsen sind, dominierte die Auseinandersetzung mit Politik den Alltag: Nicht nur mit Positionen wie „links“ oder „rechts“, sondern bis in persönliche Überzeugungen und Ideen hinein diktiert Politik das Sozialverhalten. Unsere Songs spiegeln dieses Lebensgefühl, vor allem auf „Ibn El Leil“, das die Nacht als Raum sozialer, physischer und emotionaler Aushandlungen thematisiert. Gleichzeitig muss man sich fragen, was man als politisch versteht. Die banalsten Momente unseres Alltags wie Einkaufen, ein Gang durch die Stadt oder die Wahl der Sprache, aber auch die romantischsten Aspekte (mit seinem Partner zu schlafen, Liebe zu feiern, die Beziehungen zu unserer Familie, seine Individualität zu behaupten) sind politisch, weil sie die Möglichkeiten zwischen dem individuellen Körper und dem Kollektiv anderer Körper verhandeln, mit denen er einen Raum teilt - und dies kontrolliert Politik.

          Sie sind gerade mitten in einer Welttournee. Im Mai gelang Ihnen in Jordanien ein wichtiger Sieg gegen konservative katholische und islamische Kreise, weil ein bereits verhängtes Auftrittsverbot in Amman nach einem öffentlichen Aufschrei aufgehoben wurde. Macht Ihnen das Mut? Oder ist es eher frustrierend?

          Zuerst einmal konnten wir das Verbot kaum glauben. Wir betrachten unsere Musik nicht als kontrovers. Wir erzählen Alltagsgeschichten, es war völlig irrational. Die Aufhebung hinterlässt bei uns gemischte Gefühle: Einerseits hatten wir die Möglichkeit, das Thema von uns als Band hin zu Debatten um künstlerische Zensur zu erweitern - und die Unterstützung durch unsere Fans, die Medien und sogar Kritiker, die die Vorgänge als ungerecht ansahen, bestärkte uns. Auf der anderen Seite fiel das Konzert dennoch aus, und wir haben noch keinen Ersatztermin. Wir müssen erst einmal wieder ein Konzert in Amman spielen.

          Während Ihrer Tour in den Vereinigten Staaten haben Sie westliche Medien dafür kritisiert, Künstler aus dem Nahen Osten immer nur als unterdrückte und verfolgte Opfer darzustellen. Könnten Sie das weiter ausführen?

          Es werden heute viele Menschen sowohl im Nahen Osten als auch im Westen Opfer eines heteropatriarchalen Neoliberalismus. Das ist zu erst einmal eine Tatsache. Ein Problem ist vor allem, wie die Medien weiterhin dieses Thema auf den Nahen Osten, den Islam und Muslime reduzieren, in einer Zeit, in der die Medien ihre Bilder differenzieren müssten, um ein möglichst nuanciertes Verstehen der Ereignisse zu ermöglichen und diese weltweit sichtbar werdenden Konflikte um Ethnizität und Religion nicht weiter zu befeuern.

          Weitere Themen

          Reifen statt spielen

          Sängerin Annett Louisan : Reifen statt spielen

          Annett Louisan meldet sich mit einem neuen Album und einer Tournee zurück. Unbequemer ist sie geworden, positioniert sich inzwischen auch politisch. Authentizität als Künstlerin gewinnt sie zudem durch die Liebe zu ihrer Tochter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.