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Harry Styles auf dem roten Teppich Bild: action press

Provokateur Harry Styles? : Ein Mann des Westens

  • -Aktualisiert am

Spitzenkragen und natürlich Nagellack: Was bedeutet es, wenn heute ein Mann Kleider trägt wie der britische Popstar Harry Styles?

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          Er trug ein Kleid. Eigentlich konnte man das Kleid nicht so genau erkennen, er trug offenbar etwas pastellfarben Gerafftes. Kauft man die amerikanische „Vogue“, auf deren Cover er es trägt, und schlägt sie auf, dann schlägt es ein: Ja, Harry Styles trägt ein gerüschtes Gucci-Abendkleid unter seinem schwarzen, glänzenden Gucci-Smoking-Blazer und pustet einen hellblauen Luftballon auf.

          Im Jahr 2020 trägt der 26 Jahre alte, hübsche Popstar also ein Kleidungsstück, das eigentlich, so wie das Modemagazin, für das er es trägt, vor allem für Frauen gedacht ist. Und weil er der Erste ist, der es tut, sorgt er für einen Skandal und für Umsatz: Was ein bisschen dekadent, ästhetisch motiviert und nicht heteronormativ ist, verkauft sich am Kioskstand und in den sozialen Medien. Man fühlt sich direkt in eine Zeit versetzt, in der gedruckter Boulevard noch einen bewegenden Stellenwert hatte.

          Dass vermeintlich Skandalöse ist natürlich nur deshalb skandalös, weil es dazu gemacht wird – wie von der rechten Aktivistin Candace Owens, die gleich drauflostwitterte: „Dass im Westen die stetige Feminisierung unserer Männer zur gleichen Zeit stattfindet, in der unseren Kindern der Marxismus beigebracht wird, ist kein Zufall. Wir brauchen wieder männliche Männer!“ Gefestigte Männer, befindet sie, trügen keine Abendkleider.

          Ja, die Männer im Westen, die sind nun offenbar sensibler geworden: „Verletzlich“, wenn sie über Gefühle reden; „verweichlicht“, wenn sie ihre Arbeit anstatt nach der Anerkennung anderer Männer nach Zeit mit der Familie ausrichten; „unmännlich“, wenn sie nicht täglich Anzüge wie die „Mad Men“ tragen, sondern das, worin sie sich wohl fühlen. Das kann selbstverständlich ein Maßanzug aus italienischem Flanell sein oder eine Jeans oder, ja, vielleicht auch ein Kleid mit Rüschen.

          Styles auf der Sony Music After Party im vergangen Februar
          Styles auf der Sony Music After Party im vergangen Februar : Bild: Richard Young/Shutterstock

          Das findet allen voran auch der britische Popsänger Harry Styles, groß geworden in der Boygroup One Direction, seine allseits gefeierte zweite Soloplatte, „Fine Line“, erschien vor genau einem Jahr. „Wenn ich ein schönes Hemd sehe“, erklärte er fröhlich dem „Guardian“, „und mir gesagt wird: Aber das ist für Damen! Dann denke ich: Okay? Das bringt mich aber doch nicht dazu, es weniger tragen zu wollen. Ich glaube, in dem Moment, in dem man sich in der eigenen Haut wohl fühlt, wird alles viel einfacher.“ Für Harry bedeutet das Sichwohlfühlen, durchsichtige Blusen und vermeereske Perle am Ohr auf der berühmten Met Gala tragen zu können, einen kanariengelben Marc-Jacobs-Hosenanzug (kleidete zuvor Lady Gaga) bei den Brit Awards, Anne-Boleyn-Kette über Zopfmusterpullis mit Spitzenkragen und natürlich Nagellack an stark beringten Fingern.

          Es ist ein androgyner, vermeintlich moderner Look, den Styles verkörpert. Seine Fans lieben ihn dafür, von der Modewelt wird er deswegen gefeiert. Er verwische geschlechtliche Ikonographien, traue sich damit viel mehr als andere junge (männliche) Popstars, schaffe ein Vorbild für den „sensiblen“ Mann, der so gefestigt in sich selbst ist, dass er sogar Frauenkleidung tragen kann. Und als mit Alessandro Michele als neuer Gucci-Kreativchef das Faible für Siebziger-Jahre-Mode und Cross-Dressing in das italienische Modehaus einzog, vereidigte man Styles umgehend als Botschafter der Marke. Nach drei Jahren in dieser Rolle beglaubigte ihn Anna Wintour nun mit dem neuen „Vogue“-Cover.

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          Da ihm dafür aber eben auch viel Häme entgegenschlug, sprang ihm Alexandria Ocasio-Cortez höchstpersönlich zur Seite: „Vielleicht provoziert es bei einigen Menschen eine gewisse Wut oder Unsicherheit in Bezug auf Männlichkeit/Weiblichkeit/etc.“, schrieb die amerikanische Politikerin auf Instagram. „Wenn das der Fall ist, dann ist das vielleicht ein Teil des Problems.“ Sie riet, sich mit der eigenen Reaktion auseinanderzusetzen und zu fragen, warum man diese eigentlich habe. Et cetera.

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