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Provokateur Harry Styles? : Ein Mann des Westens

Warum also der Popmusiker im Kleid solche Reaktionen, gar politische Ressentiments hervorruft, ist auf den ersten Blick leicht nachvollziehbar. Styles’ Inszenierung reiht sich irgendwo in das Spektrum zeitgenössischer Infragestellung von Männlichkeit zwischen E-Boys auf Tiktok und der beliebten Dragqueen-Show „RuPaul’s Drag Race“ ein. Nur stellen nicht alle „Phänomene“ auf diesem Spektrum konservative Männlichkeitsideale gleich stark in Frage: Denn vieles, was politisch anmutet, ist eigentlich nur ein Spiel mit ästhetischen Konventionen.

Und Harrys Style, seine feminine Männlichkeit, gehört zu Letzterer. Wenn Styles ein Kleid trägt, ist das keineswegs transgressiv, nein, es fordert nicht einmal irgendeine Form von westlicher Männlichkeit ästhetisch neu heraus. Im Gegenteil: Wenn er sich nackt wie Prince in seinem Plattencover räkelt, leuchtende Marlenehosen wie David Bowie trägt oder – die wegen der physischen Ähnlichkeit augenscheinlichste Inspiration für seine Inszenierung – kokett den Pony ins Gesicht fallen lässt wie Mick Jagger, dann wird dadurch vielmehr deutlich: Das masculin-féminin-Spiel wurde vor Styles von anderen schon sehr viel konsequenter gespielt.

Die Rockstars der Siebziger und später (damals, als Kindern noch Marxismus beigebracht wurde) waren dabei zwar auch Ausdruck einer sich verändernden Gesellschaft, Ikonen der sexuellen Revolution. Vor allem aber konnten sie sich eine Exzentrik leisten, die heute doch eigentlich keine mehr sein sollte. Letztlich waren sie dabei (deswegen!) immer noch erfolgreiche Künstler, Männer, so mächtig, dass sie sich im Gegensatz zu anderen Männern dieser Zeit aussuchen konnten, wann und wo sie welche feminine Formen ihrer selbst ausleben wollten. Oder eben auch maskuline, wenn einige von ihnen, Millionäre, Strippen zogen, weil sie es konnten, oder auch mit Minderjährigen Sex hatten, wenn sie es wollten, ohne dafür belangt zu werden.

Wenn Styles ein Kleid trägt, ist das nicht unbedingt transgressiv

Da sich Styles’ Stil hier einsortiert, ist fraglich, warum gerade daran eine „neue“ oder gar „sensible“ Männlichkeit festgemacht werden soll – denn er verkörpert vielmehr eine, die vielleicht einfach nur unkonventionell oder schön sein will, schließlich aber doch vor allem Ausdruck von Privileg ist. Eine neue Männlichkeit könnte man in Styles’ unvoreingenommener, selbstironisch erscheinender Persönlichkeit suchen. Aber auch das allein macht ihn noch lange nicht zu einer Ikone.

„Ich finde, es ist eine sehr freie und befreiende Zeit“, sagt Styles. Aber ist das so, wenn solch ein Cover offensichtlich noch transgressiv wirkt und daher solche Reaktionen hervorruft? Es verweist doch eigentlich darauf, dass sich in Sachen Kleidung nur etwas für Frauen verändert hat, die Hosen und Anzüge tragen können, ohne in Frage gestellt zu werden.

Denn was für Rockstars ein ästhetisches Spiel war, um nicht konventionell zu wirken, war für sehr viele andere, Männer, die nicht konventionell lebten, doch sehr politisch. „Tunte“, das war eine Selbstbezeichnung von Schwulen, die später zur Beleidigung wurde, und wer sich damals affektiv feminin kleidete und verhielt, mochte sich vielleicht in einem Damenhemd wohler fühlen. Gewiss machte es für einen Mann, der dies offen tat, aber nichts einfacher. Und das ist heute – leider – nicht anders.

Es ist ein Unterschied, ob ein Harry Styles ein Gucci-Kleid auf dem Cover der amerikanischen „Vogue“ trägt. Oder Harry ein Kleid auf der Straße.

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