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Sängerin Wallis Bird : „Es würde Jahre dauern, bis sich Irland erholt“

Die irische Sängerin Wallis Bird hat im Herbst das Album „Woman“ herausgebracht. Bild: Jens Oellermann

Großbritannien wählt. Wie geht es den Iren? Ein Gespräch mit der irischen Musikerin Wallis Bird – über Protestsongs, starke Symbole und die Verpflichtung zum Widerstand.

          3 Min.

          Im Herbst sind Sie durch Europa getourt und standen dabei die meiste Zeit allein auf der Bühne. Wie war das?  

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ungewohnt. Zuvor war ich ja immer mit der Band aufgetreten. Aber genau das wollte ich testen: Wie es ist, die ganze Energie selbst aufzubringen, sich unabhängig von anderen auszudrücken. Es war eine spannende Erfahrung.

          Ihr neues Album heißt „Woman“. Warum?

          Ich wollte eine individuelle weibliche Perspektive in den Fokus rücken. Jeder hat ja seine eigene Wahrnehmung. Es geht auch um individuelle Rechte, das Reproduktionsrecht, die Rechte Transsexueller – Themen, die viele Iren bewegen. Ich finde, das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sich anzuschauen, was in den letzten Jahren richtig gelaufen ist. Und was nicht.  

          Aus Irland gab es in den letzten Jahren doch viele positive Signale.

          Es gab unzählige Veränderungen, viele davon waren großartig. Homosexuelle dürfen nach Jahrhunderten, in denen die katholische Kirche die Regeln schrieb, heiraten. Die Abtreibungsgesetze wurden geändert. In weiten Teilen des Landes hat das für große Erleichterung gesorgt. Irland ist jetzt ein freundlicherer, sicherer, offenerer Ort.

          Sie sagen, Sie beobachten die politischen Entwicklungen in Europa mit Sorge. Die Songs auf Ihrem neuen Album klingen aber zuversichtlich, geradezu fröhlich.

          Das politische Klima in Europa hat mich in den letzten Jahren sehr belastet – vor allem, weil es sich so schnell verändert, weil Populismus und Rassismus sich überall ausbreiten. Aber ich kann nur aus meiner eigenen Perspektive agieren und hoffen, dass sich die Dinge ändern. Mir geht es um Dialog. Ich möchte Meinungen hören, die ich vielleicht schwer nachzuvollziehen kann. Ich suche nicht nach Schuldigen, sondern nach Möglichkeiten, wie wir es besser machen können.

          Heute wird in Großbritannien gewählt. Macht Ihnen diese Wahl als Irin Angst?

          Klar. Niemand weiß, wie der Brexit-Deal am Ende für uns ausgeht. Was wird, wenn doch noch eine harte Grenze kommt, aus dem freien Handel, aus unserer medizinischen Versorgung, der irischen Wirtschaft? Das sind sehr graue Aussichten. Irland würde in diesem Fall versuchen, sich als eigenständige Wirtschaftskraft von Großbritannien zu lösen, sein eigenes Ding zu machen. An sich unterstütze ich diese Idee. Aber die Entwicklung würde sehr langsam vorangehen. Es würde Jahre dauern, bis sich das Land erholt.

          Und was ist mit den Nordiren, die für den Brexit gestimmt haben?

          Da herrscht eine Art Starrsin, nach dem Motto: „Wir haben unsere Entscheidung getroffen, jetzt wird es schon laufen.“ Dabei ist es grotesk, zu behaupten, irgendjemand würde auf diese Weise Kontrolle zurückgewinnen. Dieser „take back control“-Slogan sollte sich eher auf die Kontrolle beziehen, die wir zurückgewinnen, wenn wir uns mit unserer Vergangenheit, mit den Lehren aus Zeiten des Britischen Empires und mit der Wiederbelebung unserer Empathiefähigkeit beschäftigen. Stattdessen geht es um Kontrolle im Sinn von Überlegenheit. Und alle Tragödien in unserer Geschichte sind auf einmal vergessen.

          Also genau der richtige Zeitpunkt, um als Musikerin politische Botschaften in die Welt zu bringen?

          Musik ist immer ein Spiegel der Kultur. Wenn politische Songs und Protestmusik, die zwanzig Jahre lang keinen interessiert hat, jetzt wieder mehr Erfolg hat, ist das doch perfekt. Wir alle haben die Pflicht, auf unsere Weise Widerstand zu zeigen.

          Aber Sie halten es lieber mit Symbolik, singen von Respekt, Liebe und davon, wie das Leben rast.

          Es gibt so viele Symbole in unserem Alltag, die alles sagen. Wir müssen sie nur lesen. Das fasziniert mich. Ich denke darüber nach, dass Männer wie Trump und Johnson nach der Macht greifen, dass sie an vielen Orten der Welt auf dem Vormarsch sind. Und dann fällt mir dieser Moment ein, als Bernie Sanders vor der Wahl in Amerika in einem Stadion sprach und sich während der Rede ein kleiner Vogel auf sein Rednerpult setzte. Und in dem Stadion, wo Trump stand, die Vertreter der „White Supremacy“ grölten. Ist das nicht ein unglaublich starkes Bild? So etwas passiert überall, wir nehmen es nur nicht wahr. Damit arbeite ich.

          Sie leben nicht mehr in Irland, sondern in Berlin. Warum?

          Ich hatte große Ambitionen, die in meinem Land nicht erfüllt wurden. Ich war auf der Suche nach abenteuerlichen, systemkritischen Freunden, nach einer größeren Plattform für meine Musik und mehr Möglichkeiten, Gigs zu spielen. Das war, als ich 20 Jahre alt war, alles noch ziemlich schwierig. Wenn du von Irland aus in ein anderes europäisches Land reisen willst, sind die Kosten immer noch ein Riesenproblem.

          Wie hat sich Ihre Einstellung zur EU verändert, seit Sie in Deutschland sind?

          In Berlin habe ich erst verstanden, wie ich als Künstlerin von der EU profitiere. Ich kann überall in Europa auftreten, meine Möglichkeiten sind riesig. Und ich bin aufmerksamer geworden. In Berlin ist das Interesse am politischen Hauptstadtgeschäft groß, die Leute informieren sich, beobachten und kritisieren, fragen nach, wer die Regeln macht und wozu sie gut sind. Das ist etwas, wovon andere europäische Städte lernen könnten.

          Was vermissen Sie an Irland?

          Meine Familie. Und die Landschaft im Süden. Westport zum Beispiel, einen wunderschönen Hafenort, der eine lange Geschichte des zivilen Widerstands hat.

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