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Die Gruppe OIL in Frankfurt : Ein Roman in Konzertform

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Alle Akkorde wurden schon gespielt? Aber vielleicht noch nicht gelesen: Die literarische Band OIL im Literaturhaus Frankfurt Bild: Literaturhaus Frankfurt

Männerbund als Parodie: Die Gruppe OIL gastiert in Frankfurt und stellt ihren Roman und ihr Album vor. Beide heißen „Naturtrüb“. Genau so schätzen die Musiker auch ihre Erfolgsaussichten ein – zu Recht?

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          Es fehlt die Energie, um die vier Männer, ihr neues Album und ihren neuen Roman beim Namen zu nennen, wenn man zu lang in ihre missmutigen Gesichter schaut. Was hilft es schon? Fünf Tage lang haben sie im holsteinischen Heidmoor prokrastiniert. Am dritten Tag waren die Instrumente noch immer nicht ausgepackt. Im Literaturhaus Frankfurt gesteht Christian Dabeler, unter Musikern auch bekannt als „Der Reverend“, als inoffizieller Kopf der Gruppe OIL nun, dass er sich schäme, wenn er daran zurückdenke, wie sich die vier Männer gegenseitig bekochten und über Politik redeten – „ein dämlicher Brei von Ansichten und scheinbaren Intelligenzen“.

          Im Roman „Naturtrüb“, der vor kurzem im Verbrecher Verlag erscheinen ist, erzählt jeder der vier in Tagebuchform von diesem Experiment der künstlich erzwungenen Band-Gründung am Küchentisch einer Försterhütte. Pate standen neumodische „Songwriter-Camps“, bei denen Talente so lang in einen Raum gesperrt werden, bis die Seelenfäden der Künstler zusammenlaufen. Doch mit dem rustikalen Idyll kam auch emotionaler Ballast. OIL wirken so abgebrüht, als tourten und zankten sie schon seit Jahrzehnten miteinander.

          In pinken Sweatern die rote Pille geschluckt

          Der Autor Gereon Klug hat zwar Deichkind zu dem Hit „Leider geil“ inspiriert, versucht sich aber zum ersten Mal an einer eigenen Band und stört sich am Fachsimpeln der alten Hasen. Labelbetreiber Maurice Summen ist als Einziger unter fünfzig und möchte sich damit gern abgrenzen. Comic-Zeichner Mosh Çirak, der den Roman illustriert hat, wird als „Quotentürke“ gehänselt. Aus dem zwischenmenschlichen Krach ist in letzter Sekunde ein erstes Album entstanden, das ebenfalls „Naturtrüb“ heißt und bei dessen Darbietung man unmöglich vergessen kann, für wie minderwertig OIL es selbst halten. Der Roman war schließlich vor dem Album da, was die literarische Band zum Original macht. Oder nicht?

          Jede erdenkliche Akkordverbindung habe es schon tausendmal gegeben, schreiben sie. Aber je länger der Abend dauert, je öfter sie in ihren pinkfarbenen Sweatern auf den Feminismus zu sprechen kommen, desto stärker wird der Verdacht, dass Epigonentum nicht ihr wahres Problem ist. Sie fühlen sich in den Verwertungsmechanismen der Musikindustrie stiefmütterlich behandelt, wollen eine „Stimme der Männer“ werden und „Schwanz-Rock“ machen.

          In radikalen Internetgruppen würde man sagen, dass OIL die „rote Pille“ geschluckt haben: ein fatalistisches Bekenntnis zur Stellung unattraktiver Männer in der modernen Gesellschaft. Aber na ja, es fehlt die Energie, sich deshalb jetzt zu radikalisieren. OIL wollen niemandem etwas Böses, auch nicht den erfolgreicheren Bands der Welt. Selbst für Yoko Ono finden sie verständnisvolle Worte, widmen ihr ein Lied. Der Männerbund ist Parodie, extrem sind nur die ausschweifenden Soli auf Saxophon und Bass oder die Übersteuerung der Verstärker. Am ungewöhnlichsten ist sicher ihr Bewusstsein für die eigene Bedeutungslosigkeit, das von der Unterhaltungsbranche, in der alle vier schon länger arbeiten, normalerweise abtrainiert wird.

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