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„Die Fantastischen Vier“ : Pure Vernunft darf niemals lügen

Die Botschaft ist oft simple Alltagsweisheit: Die „Fantastischen Vier” in Mannheim Bild: dpa

Auch wenn sie sich selbst zum Adel des deutschen Rap erklären, können die „Fantastischen Vier“ den Geist eines mittelständischen Rap-Unternehmens, das gerne zurückblickt, nicht verleugnen. Thomas Thiel hat ihren Auftritt in Mannheim gesehen.

          Wenn Popbands in die Phase ihrer Reife treten und sich die Furchen der Altersweisheit in ihre Songtexte eingraben, werden ihre Begriffe für gewöhnlich größer und allgemeiner und mit schwerer Bedeutungsfracht beladen. Das jäh herausgeschriene Sentiment und die spielerische Attitüde weichen einem düster-beschwörenden Ton, der, von dunklen Akkorden begleitet, etwas Raunendes, bald Erleuchtetes annimmt. Es ist dann von gekrümmten Räumen, von höchsten Höhen und tiefsten Tiefen die Rede, ein Abstraktum reiht sich an das andere, und doch sollen diese sich ganz umstandslos in den Sinneswelten des erlebenden Subjekts widerspiegeln. Das Lügen neuer Länder hätte der Philosoph Immanuel Kant dies genannt, und tatsächlich landet der semantische Aufschwung recht zuverlässig in neoromantischem Kitsch.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Herbert Grönemeyer etwa, der am „Strand des Lebens“ seine unverbrauchte Menschlichkeit noch halbwegs authentisch herausschrie, lockten bald die ferneren Horizonte, jenes „Bett im Himmel“, in dem er auf seinem nächsten Album eher unsicher gebettet war. „Tocotronic“ zog es in „Pure Vernunft darf niemals siegen“ in metaphysische Abgründe, und „Blumfeld“ mussten zuletzt eine Naturmystik nur noch leise andeuten und es ihren Exegeten überlassen, ob ein Apfel nur ein Apfel ist oder doch auf Höheres verweist. Die Botschaft mündet in diesen Songs oft in die simple Alltagsweisheit, dass die Reichtümer der Welt dem offenstehen, der Gemüt und Verstand noch in harmonischer Balance zu halten versteht. Du musst nur, wie wir, die Wahrheit erkennen, sagt der Subtext. Ja gerne, aber welche nur?

          Miss Platnum serviert Balkanpop

          Ein Markstein in der Bandgeschichte der „Fantastischen Vier“ ist der Song „mfg“, in dem sich die ihrem Herkunftsgenre nur noch lässig verhafteten Pioniere des deutschen Rap zwischen ARD, ZDF und GEZ einer Welt aus Slogans gegenübersahen, in der sich zwischen die Bezüge der konkreten Einzeldinge immer mehr Vermittler mit ihren Werbeagenturen, Marketingoffensiven und Presseabteilungen einmischen, so dass sich das Narrativ selbst aufs Aufzählungshafte verkürzte. In beschwörerischer Gebärde nannten sie dies das „Drama einer Kultur“, von dem sie in ironisch gebrochenem Ton zu berichten hätten. Das Kürzel SAP fehlte damals noch.

          Seine „Krieger”-Performance - ein zuverlässiges Stimmungstief: Thomas D.

          Die Dramaturgie ihres Konzerts in Mannheim sieht es vor, dass die vier sich in der von leuchtendem Rot bestrahlten SAP-Arena selbst in dieses Dilemma der Popkultur verstricken. Im Vorprogramm serviert eine gewisse Miss Platnum trendbewusst Balkanpop, kann ihre Herkunft aus dem Soulfach jedoch nur mühsam verbergen und so nur bedingt zum Genre der Hauptband überleiten. In gewohnt grandseigneuraler Pose, mit gekreuzten Armen und stoischem Blick, treten die vier auf die Bühne, hinter ihnen sechs gigantische Leuchter und eine in vielfache Ebenen gestufte Bühne. Ein scheinbar würdiger Rahmen für den selbsternannten Adel des deutschen Rap, der mit seinem titelgebenden Song „Fornika“ loslegt, von einer theatralischen Off-Stimme eingeleitet. Die Rettung vor jeder Art von Schwulst bietet den „Fantastischen Vier“ die Situationskomik des Rap: Aus der irrwitzigen Lage des enttäuschten Aufreißers leitet „Einfach sein“ zu zeitlosen Daseinsfragen über. Die Frage nach der umfassenden Erkenntnis ist dann mit dem einfachen Resümee „Harrison Ford oder Xavier Naidoo / sind wir leider nicht“ ausreichend und zur Erleichterung des Publikums beantwortet.

          Nur mittlere Beben

          Bei allem Spielerischen in ihrem Habitus bleiben die „Fantastischen Vier“ im Mittelständischen sicher verankert. Auf ergonomischen Sitzmöbeln singen sie über Pipis und Popos, um dann mit Megaphon und Helium-Stimme nahtlos zu infernalischem Toben überzuleiten. Massen wogten, Massen tobten, wenn man sie denn ließe. Auf das rundumversorgte Publikum der SAP-Arena springt der Funke nur selten über. Selbst der im Regelfall fest einbuchbare Stimmungshöhepunkt „Bring it Back“ kann nur mittlere Beben lostreten, und die angestrengten Metamorphosen eines Thomas D. in seiner „Krieger“-Performance bleiben ein zuverlässiges Stimmungstief jedes „Fanta 4“-Konzerts.

          Leider plaziert die Choreographie des Konzerts die Glanzstücke des neuen Albums ans Ende des Auftritts, dem in der an übermäßigem Planungswillen leidenden Atmosphäre der SAP-Arena bis dahin mehrfach die Luft ausgegangen ist. Es sind die alten Lieder, die dem Auftritt seine Form geben sollen, was man mit gutem Willen in den Topos übersetzen kann, dass hier eine gereifte Band ihre eigene Geschichte erzählt hat. Man hätte indessen gern mehr Neuigkeiten erfahren.

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