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„Die Bewegung“ im Weißen Haus : Wenn die Not am tiefsten

Bedauerte, dass er nicht singen kann: Morgan Freeman rezitiert Bild: AFP

Anlässlich des „Black History Month“ Februar trafen sich Bob Dylan, Joan Baez und andere Bürgerrechtsveteranen im Weißen Haus. Sie sangen, Morgan Freeman rezitierte Texte. Man suchte gemeinsam „die Bewegung“ und war der Ansicht, Präsident Obama könne mehr dafür tun.

          Konzerte im Weißen Haus sind Wohlfühlmomente, selbst wenn Protestsongs auf dem Programm stehen. „Heute Abend“, sprach also der Hausherr, „feiern wir die Musik der Bewegung.“ Er meinte die Bürgerrechtsbewegung, der er, wie er auch sagte, seinen Job verdankt, und die, wie er dem handverlesenen Publikum im East Room in Erinnerung rief, von Musik aufrechterhalten wurde. Und diese Musik, diese Erinnerung wurde an diesem verschneiten Abend auch von denen zum Leben erweckt, die schon damals dabei waren. So dokumentierte das Konzert nicht nur die Bewegung, es brachte sie auch noch einmal bewegend nah.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Allen voran waren es Joan Baez und Bob Dylan, die historische Zitate nicht erst für unsere Ohren übersetzen mussten. Wenn es noch so etwas wie Authentizität geben sollte, dann bei diesen beiden Musikern und in dieser Musik. Joan Baez stimmte „We Shall Overcome“ an, Bob Dylan „The Times, They Are A-Changin’“ – überhaupt nicht originell oder überraschend. Trotzdem geriet der Abend, der wegen eines drohenden Schneesturms vorverlegt worden war, nicht zum Veteranentreffen. Von Smokey Robinson und Natalie Cole bis Jennifer Hudson, von Yolanda Adams über John Mellencamp bis zu den Blind Boys of Alabama, den Freedom Singers mit Bernice Johnson Reagon und dem Howard University Choir war ein Aufgebot versammelt, das zwischen Rock und Pop, Gospel und Spirituals, Folk und Rhythm & Blues die heroische Vergangenheit in Protestgesängen und mitreißenden Hymnen heraufbeschwor.

          Die Hoffnung ist noch längst nicht begraben

          Zwischendurch rezitierte Morgan Freeman aus historischen Reden und bedauerte, dass er nicht singen könne. Es sei schwer zu singen, wenn die Zeiten hart seien, hatte zuvor der Präsident gesagt, aber dann hätten die Lieder auch ihre tiefste Wirkung; sie hätten die Nation vorangebracht. Sehr feierlich klang das alles, und auch der Abend konnte durchaus feierlich werden, aber er war auch voller Urkraft, zeitloser Vitalität und darum nicht einmal mit nostalgischen Reminiszenzen zu bändigen.

          In harten Zeiten haben Lieder die tiefste Wirkung, meint Barack Obama

          Das Konzert fand nun nicht zufällig in diesen Tagen in Washington statt. Der Februar wird in Amerika als Black History Month geführt, und mit einem schwarzen Präsidenten im Weißen Haus muss das mehr als eine bürokratische Übung sein. Mag sein, dass das Konzert die Vergangenheit heraufbeschwor, ohne sie uns direkt als Sprungbrett für die Gegenwart oder gar Zukunft anzubieten. Es war eine sorgfältig abgewogene Veranstaltung, eine von Grund auf ausgeglichene Sache. Und darum passte es in die Ära dieses Präsidenten und zu ihm und seiner Denk- und Handlungsweise. Schon in Wahlkampfzeiten den einen zu schwarz, den anderen nicht schwarz genug, hat Obama auch als Präsident mit dem Ruf zu kämpfen, sich irgendwo zwischen den Kampflinien einzurichten, statt sich auf eine bestimmte Seite zu schlagen. Naturgemäß, so glaubt mancher alter Bürgerrechtskämpfer, müsste das auf Seite der Schwarzen sein. Am Geburtstag Martin Luther Kings setzte Obama die Baseballkappe auf und servierte in einer Washingtoner Suppenküche das Mittagessen – wenn es nur auch im Weißen Haus und im Capitol so einfach wäre, Zeichen zu setzen und Initiativen durchzusetzen. Aber die Kritik, die ihm die Demagogin Sarah Palin entgegenschleudert, wenn sie höhnt, Amerika brauche einen Oberbefehlshaber und keinen Professor am Rednerpult, bekommt er in abgewandelter Form auch von manchen Gefolgsleuten zu hören.

          Sechsundneunzig Prozent aller schwarzen Amerikaner glauben dennoch, dass Obama seine Arbeit gut macht. Selbst aus ihren Reihen erheben sich allerdings Stimmen, die ihm vorwerfen, er wäge zu viel ab und verliere sich in eben jenen Nuancen, mit denen sein Vorgänger nichts zu tun haben wollte. Und vielleicht hat eine nuancierte Präsidentschaft in diesen polarisierenden Zeiten auch keine Chance mehr. Nach dem Einsatz seines Präsidenten fürs schwarze Amerika befragt, antwortete Elijah E. Cummings, der schwarze Abgeordnete des Bundesstaats Maryland: „Ich glaube, er könnte mehr tun. Und er wird mehr tun.“ Die Hoffnung ist noch längst nicht begraben. An diesem Abend im Weißen Haus nahm sie, mit einem kleinen Umweg über die Vergangenheit, unwiderstehlichen Klang an.

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