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Die Beach Boys in Berlin : Fun, Fun, Fun

  • -Aktualisiert am

Erwachte zu ungeahntem Leben: Brian Wilson in Berlin Bild: dapd

Es war der erste Auftritt der Beach Boys in Deutschland mit Brian Wilson. In Berlin spielten sie 49 Songs für 50 Jahre. Ein Abend ohne Maßstäbe, das Publikum lag der Band zu Füßen.

          Es war großartig, atemberaubend, kraftvoll, mitreißend, anrührend und in jeder Hinsicht bewegend. Viel mehr kann man von einem Konzert nicht erwarten, außer, dass der Sound noch ein wenig differenzierter und in den Höhen weniger schrill gewesen sein könnte. Um die historische Dimension des Abends zu begreifen, muss man wissen, dass wir den ersten Auftritt der Beach Boys in Deutschland mit Brian Wilson seit Bestehen der Gruppe erlebt haben.

          Wilson ging sowieso nur bis 1965 mit auf Tourneen und konzentrierte sich danach auf die Studioarbeit. In den letzten Jahren war er dann wieder häufiger auf der Bühne zu sehen bei den fast schon konzertanten Aufführungen von „Pet Sounds“ und „Smile“, den beiden monolithischen Meisterwerken der Beach Boys aus den späten sechziger Jahren. Diese Auftritte standen im Dienste eines Geniekults, und zweifellos ist Wilson ein Genie, wie es in der Popmusik nur ganz wenige gegeben hat.

          Gründungsmitglieder David Marks (l) und Mike Love Bilderstrecke

          Das zeigte dieser Abend, bei dem er sich wieder in den Dienst der Gruppe stellte, überdeutlich. Was sofort überrascht, ist die wuchtige, selbstbewusste Präsenz der Beach Boys, die das Publikum mit fünf nahtlos hintereinander gespielten Songs überrollen: „Do it Again“, „Little Honda“, „Catch a Wave“, „Hawai“ und „Surfin‘ Safari“. Erstaunt ist man über die Lebendigkeit des Materials, das hat nichts mit einer Oldie-Night zu tun, und wir sehen auch keine alternden Stars, „die es nochmal wissen wollen“. Alle Songs klingen frisch, geradezu brandneu, als wären sie erst vor kurzem geschrieben worden.

          Es reicht, wenn er einfach nur hinter dem Flügel sitzt

          Die Beach Boys des Jahres 2012 bestehen aus den fünf Gründungsmitgliedern, Brian Wilson, Mike Love, Alan Jardine, David Marks, dazu Bruce Johnston, der 1965 dazu stieß. Unterstützt werden sie auf der Bühne von Musikern der Wondermints, die maßgeblich für Brian Wilson’s Rückkehr auf die Bühne verantwortlich sind und seine Kompositionen mehr als verinnerlicht haben. Wenn der meist sehr kraft- und kunstvolle Harmoniegesang der Original Beach Boys etwas brüchig zu werden drohte, stopften Jeffrey Foskett und Scott Totten einfühlsam die Löcher. Insgesamt standen fünfzehn Musiker und Sänger auf der Bühne, die bemerkenswert, ja, oft phantastisch miteinander harmonierten.

          Musikalischer Direktor der Show ist Paul von Mertens, der schon die so typischen Bassharmonika Elemente aus der „Pet Sounds“- Ära beisteuerte. Sonst hatte Mike Love den Abend voll im Griff. Stimmlich auf der Höhe, präsentierte er sich als Mr. Beach Boy. Er besitzt schließlich die Rechte am Bandnamen und beglückt seit Ewigkeiten in wechselnden Besetzungen die Welt mit seiner eher banalen Auslegung des Werkkatalogs. Mike Love ist der klassische Bad Guy, und auch an diesem Abend geht etwas untergründig Sinisteres von diesem Mann aus, man hat das Gefühl, der meint es nicht wirklich gut mit dir, der will nur dein Geld. Brian Wilson sitzt am linken Bühnenrand hinter einem weißen Flügel, wirkt manchmal wie erloschen, erwacht aber immer wieder zu ungeahntem Leben. Stimmlich ist er weitaus schlechter disponiert als bei den „Smile“- und „Pet Sounds“-Konzerten, dadurch wirkt „In My Room“ rührend zerbrechlich, und wenn er „I just Wasn’t Made for these Times“ vorträgt, dann stimmt das heute genauso wie 1967. Eigentlich müsste Wilson überhaupt nicht singen; es reicht, wenn er einfach nur hinter dem Flügel sitzt und dadurch dem ganzen Treiben Tiefe und Bedeutung gibt und die Aufgeblasenheit von Mike Love ad absurdum führt.

          Unerwartet grandios geriet der Auftritt von Gründungsmitglied Alan Jardine, der von seiner ganzen Ausstrahlung am stärksten an die ganz frühen Beach Boys erinnerte. Am Ende waren es 49 Songs in fast drei Stunden, das Publikum stand und lag dabei der Band zu Füßen. Die aktuelle Hit-Single „That’s why God Made the Radio“ fügte sich bruchlos in den Meisterwerkkatalog ein, und gerade hier fühlte sich Brian Wilson sichtlich wohl und stieg mit vollem Körpereinsatz ein. Der Schwerpunkt lag auf dem Sechziger- und Siebziger-Material, „Kokomo“ hätte man wie immer gerne vermisst. Überraschend eindrucksvoll geriet dagegen die eher selten gespielte Auto-Hymne „Ballad of Ole‘ Betsy“ aus dem Jahr 1963. Klar wurde: Wir haben es mit einem Werk zu tun, für das es eigentlich keine Maßstäbe gibt. Nichts wirkt daran verstaubt, die Lieder bestehen problemlos den Ewigkeitstest, denn sie wurden nicht für diese Zeiten gemacht.

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