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Die „Babyshambles“ in Köln : Zu Kopfe steigen Ruhm und Schmerz

  • -Aktualisiert am

Neues vom Hütchenspieler: Die Babyshambles machen einfach gute Rockmusik Bild: F.A.Z. / Thomas Brill

Er kam, sah schlecht aus und siegte: Der Depp, Angeber, das Opfer, die Nervensäge, ein genialisches Bürschchen und ein Nichtsnutz. Pete Doherty bediente in Köln alle Klischees und war doch grandios.

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          „Auch etwas Gin?“ Freundlich streckt der junge Mann, der sein mitgebrachtes Getränk nicht mit in die Halle nehmen darf, den noch draußen Wartenden seine Flasche entgegen. Man nimmt und trinkt sich warm, Zimperlichkeit ist schließlich bei Babyshambles-Konzerten fehl am Platz, eine gewisse Angeschossenheit kann hier nicht schaden.

          So albern derlei Nachahmungseffekte auch wirken: Das eigentliche Problem mit Pete Doherty sind weniger die Drogen, sein Wesen, sein falscher Umgang oder gar seine Musik. Das Problem mit Pete Doherty ist, dass er inzwischen so übergroß erscheint wie seine eigene Verfilmung. So aufgeblasen, so drogenabhängig, so clean, so genialisch, so launenhaft, so oberkörperfrei, so huttragend, als würde man ihn durch die Linse eines Sachvergröberers wie Oliver Stone betrachten.

          Und dann kommt es doch anders

          Das liegt freilich an medialer Verbildung, egal, wie sehr Doherty an dieser nun mitschuldig ist. Eine schlichte neue Platte oder ein Konzert wirken da einfach ein wenig läppisch, zumal wenn dieses Konzert noch nicht einmal spektakulär abgesagt wird. Lieschen Müller lässt sich von dem Spektakel eines abgesagten Auftritts einfach mehr beeindrucken als von der Ödnis eines, der tatsächlich stattgefunden hat. Warum? Weil auf Babyshambles-Konzerten beseelter, aufmüpfiger Indierock gespielt wird. Nicht mehr und nicht weniger, wie man so schön sagt. Und dann kommt es doch anders.

          Pete Doherty: So übergroß wie die eigene Verfilmung

          Drinnen legen gerade Roadies Handtücher auf die Verstärker, er hat also tatsächlich vor, heute die Bühne zu betreten. Wofür harte Burschen wie er allerdings Handtücher brauchen, erscheint schleierhaft. Auch das stundenlange Gitarrenstimmen durch die Band-Angestellten vor Konzertbeginn wirkt hier fast bizarr. Die Menge ist gut gelaunt: Indie-Mädchen mit „Bunte“-Abo, wilde Jungs, die gerne auch mal bekifft eine „Gilmore Girls“-Folge mitgucken, und ehemalige Mitglieder der Toten Hosen harren der Dinge, die da kommen. Alle kennen den Doherty-Witz, und alle wissen dennoch, dass der achtundzwanzigjährige Brite über eine musikalische Sensibilität verfügt, von der die meisten anderen Gitarrenhalter nur träumen können.

          Der beste britische Musiker seiner Generation

          Gegen halb zehn betreten die Babyshambles unter Fanfarengetröte die Bühne der Kölner Live Music Hall. Doherty kommt mit Hut und teurem Mantel und schwenkt eine Fahne. Er raucht noch ein bisschen, stolpert über sein Gitarrenkabel und begrüßt das Publikum mit etwas, das wie „Uahsenagenueschewagh“ klingt. Alles ist exakt so, wie man sich einen Pete-Doherty-Auftritt vorstellt. Dann hackt die Gitarre die Eröffnungsakkorde von „Carry On Up In The Morning“, und der große Vorhersehbare singt mit seiner einmalig heiseren Verführerstimme diesen bereits alles erzählenden Text: „In the morning where does the pain go? Same place the fame goes / To your head.“

          So ist das eben bei Doherty: Er ist ein Depp, ein Angeber, ein Opfer, eine Nervensäge, ein genialisches Bürschchen und ein Nichtsnutz. Und der beste britische Musiker seiner Generation. All das, noch viel mehr und letztlich nichts. Fast wie einer, der nicht da ist.

          Es folgen „Delivery“ und all die anderen hübschen Songs, die surren wie Bienen in einem Karton. Aus der Ferne weht die Indie-Nonchalance von Pavement durch die Lieder, dann wieder drängelt die Musik wie ein schlecht erzogenes Kind in der Schulbus-Warteschlange. Alles klingt nach aufgeschürften Knien und Fingernägeln, unter denen noch die schwarze Erde vom Schatzverbuddeln im Garten der Eltern klebt - nicht nach Heroin und Bahnhof.

          Zwischendurch eine halbe Flasche Apfelsaft

          Natürlich gibt es aus unerfindlichen Gründen mehr Mikrofonrückkopplungen als bei jedem anderen Konzert, natürlich werden unentwegt BHs, Fotos und Hüte auf die Bühne geworfen, die Doherty aufsammelt und mit Kusshänden quittiert, nur um sie dann in die nächste Ecke zu pfeffern. Zwischendurch trinkt er eine halbe Flasche Apfelsaft, für die Fitness vermutlich.

          Dann, nach gut vierzig Minuten toller Musik, passiert es: Doherty verschwindet irgendwo im Bühnenhinteren und krümmt sich über seinem Gitarrenverstärker. Dann geht er, sich den Bauch haltend, wortlos ab, seine Band folgt ihm ratlos. Apfelsaft, Heroin, ein Virus, Pflichtdienst an der Legende? Es ist letztlich egal, man musste mit so etwas rechnen, und für viele - so zynisch dies klingen mag - ist dieser Moment wohl das Eintrittsgeld allein wert. Nach zehn Minuten kommt Doherty zurückgetorkelt, wirkt jetzt deutlich angeschlagener und spielt - natürlich - „Fuck Forever“ als große Krawallinszenierung mit ums Mikro gebundenem BH. Es ist so albern wie großartig. Ein gutes Konzert. Nicht auszudenken, wie wichtig es durch eine Absage geworden wäre.

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