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Devendra Banhart : Hinter dem Bart wohnt die Freiheit

  • -Aktualisiert am

„Nein, ich bin kein Hippie” - Devendra Branhart Bild: Lauren Dukoff / XL Recordings

Er läuft gerne in Frauenklamotten herum und trägt einen Bart, als wären Charles Manson und der Batikbeauftragte der Rainbow Family in denselben LSD-Topf gefallen. Er macht wunderschöne Hippie-Musik. Devendra Branhart ist ein Popstar.

          Man muss es neidlos anerkennen: Devendra Banhart ist ein schöner Mann. Ein schöner Mann, der hinter einem prächtig wuchernden Bart wohnt. Er ist jung, gerade mal 26, aber wie alle Menschen mit derart freilaufendem Haarwuchs sieht er mindestens zehn Jahre älter aus. Banhart ist eine Erscheinung, die bei manchen Abwehrreflexe auslöst: Gerne läuft er in Frauenklamotten herum, seinen Namen bekam er von einem indischen Mystiker - und dann dieser Bart, als wären Charles Manson und der Batikbeauftragte der Rainbow Family in denselben LSD-Topf gefallen. Banhart sieht aus wie der Albtraum von einem Hippie. Und er ist ein Popstar.

          Er ist das männliche Aushängeschild eines Genres, das in Musikjournalistenkreisen zuletzt als Weird Folk, Psych Folk, Freak Folk oder im Sitzen dahergezupfte Gitarrenmusik in Ziegenhirtenkleidung für Furore sorgte: Musik, die in einer häufig schrillen, zumindest jedoch oft seltsamen Weiterdeutung altbekannten Gitarrengezupfes die musikalische Zukunft sucht. Und im Falle der Sirenenschwestern CocoRosie oder der Harfen-Elfe Joanna Newsom sogar eine äußerst originelle Gegenwart findet.

          Musik, die alles kennt, nur keine Angst

          Devendra Banhart kann man nur noch mit viel bösem Willen in diese Ecke schubsen. Tatsächlich macht der Mann einfach nur lupenreine Hippie-Musik. Wunderschöne Hippie-Musik, irgendwo zwischen dem knallbuntem Tropicália-Pop des brasilianischen Nationalhelden Caetano Veloso, acidzersetztem Mutanten-Rock, glambestäubtem Affen-Soul und ein paar zarten Waldweisen. Musik, die alles kennt, nur keine Angst. Die gleichzeitig geschichtsbewusst und neuartig klingt - und immer sinnlicher als alles, was derzeit ungestraft musizieren darf. Es ist schade, dass so viele Menschen mit Banharts Songs Probleme haben - sie sind abgründig und anrührend. Die meisten interessieren sich höchstens für Banhart, den bärtigen Spinner in Frauenklamotten. Woran er selbst nicht ganz unschuldig ist.

          Devendra Banhart, so scheint es, ist ein glücklicher Mann

          Trifft man ihn zum Interview, erwartet man einen rückwärtssprechenden Schamanen mit Hirschgeweih auf dem Kopf. Die Realität ist vergleichsweise harmlos. Banhart erscheint in einer rustikalen Jeansweste über dem nackten Oberkörper, um seinen Hals baumeln ungefähr siebenundvierzig Ketten, die langen Haare sind unter einer Strickmütze versteckt, seine Füße stecken in samtenen Frauen-Ballerinas. Er zündet ein Räucherstäbchen an; ob man auch etwas Kautabak wolle? „Nein“, wehrt er ab, „ich bin kein Hippie.“ Er tut entrüstet. Das Wort „Hippie“, doziert er, sei ein dummes Wort, da es Menschen, die sich befreien und für Liebe und Frieden einsetzen, zu einer nostalgischen Karikatur mache. Lieber will er über die Deutschen sprechen: „Ihr seid ganz schön todessehnsüchtig, das wisst ihr schon?“, sagt er, und seine dunklen Augen funkeln. Noch bevor man über seine These nachdenken kann, galoppiert Banhart mit dem Thema davon: „Meine drei Lieblingsdeutschen“, sagt er und stopft sich seinen Kautabak in den Mund, „waren oder sind aber eher lebenssehnsüchtige Menschen: Dr. Hauschka, der große Körperpflege-Pionier, Dr. Bronner, der Seifenhersteller - und Rudolf Steiner. Was würde ich darum geben, auf einer Steiner-Schule aufgezogen worden zu sein!“

          „Ich bin eine Frau. Deshalb der Bart“

          Banhart wurde in Texas geboren, wuchs aber in Caracas auf. „Unter Yogis, aber das ist kein Vergleich mit den Qualitäten einer Waldorfschule. Das ist, als würde man eine Kläranlage mit einer Felsquelle vergleichen. Ich bin wohl so aufgewachsen, wie es für Kinder in der unteren Mittelklasse eines Dritte-Welt-Lands üblich ist.“ Banhart ist ein Mann, der an ein Lagerfeuer gehört: ein Schnurrenerzähler, der vermutlich selbst nicht ganz weiß, wo die Wahrheit aufhört und die Übertreibung anfängt. Im Interview erzählt er unter anderem von seinem Bassisten, dessen Vater ein somalischer König mit einem gutgehenden Supermarkt sei, und dass er aufgrund einer Kontraktionstechnik fähig sei, sein Geschlechtsteil so in den Körper einzuziehen, dass er quasi zur Frau werden könne: „Ich habe diese Technik zufällig entdeckt, indische Sadhus können ihren eigenen Dickdarm im Fluss waschen, das ist eine sehr ähnliche Methode der Körperkontrolle.“

          Auf den Vorwurf, er sei ein Angeber, reagiert er gelassen: „Nein, ich bin eine Frau. Deshalb habe ich auch diesen Bart. Das ist das einzig Männliche an mir, ansonsten bin ich eine Frau. Deshalb singe ich auch auf dem Album Zeilen wie ,I wanna be your girl'.“ Dieses neue Album heißt „Smokey Rolls Down Thunder Canyon“. Dahinter aber verbirgt sich ein musikalischer Wunderwald: Es klackert und rasselt wie ein ganzer Dschungel, schmierige Zerr-Gitarren sind zu hören, Querflöten tirilieren in Echo-Kammern, und absurde vierstimmige Männerchöre fliegen durch den Weltraum.

          Es gibt einen Trick, um mit dieser Platte besser klarzukommen: Man muss begreifen, dass Banharts Irrsinn in Wahrheit Humor ist, Humor der eher unzynischen Sorte allerdings. In mehreren Songs feiert das Album die Freiheit. Glaubt Banhart, dass jeder sich dermaßen befreien kann? „Ja, das glaube ich“, sagt er nach kurzem Nachdenken, während er langsam seine Kniestrümpfe auszieht. „Aber die meisten haben einfach zu viel Angst vor der Freiheit.“ Devendra Banhart, so scheint es, ist ein glücklicher Mann, er hat sich befreit. Ach, man müsste auch so ein zauseliger Frauenmann sein. Und so einen prächtigen Bart müsste man haben!

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