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Deutschrap-MeToo : Sie sind Teil des Systems, ändern Sie was

Die Rapperin 070 Shake bei einem Konzert in London Bild: Picture-Alliance

Seit Beginn der Debatte über Deutschrap-MeToo wird von Kritikern das Argument angeführt, die Welt da draußen sei Schuld am Sexismus im System. Das ist nichts Neues. Und kein Grund, sich wegzuducken.

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          Es gibt eine neue alte Debatte im deutschen Rap, auch wenn sie jetzt mit großer Geste kleingeredet wird. Ausgelöst hat sie eine Influencerin, die dem Rapper Samra vor drei Wochen vorwarf, er habe sie vergewaltigt. Samra dementierte das. Alles Weitere soll ein Gericht beurteilen. Kurz darauf veröffentlichte ein anderer Rapper ein Video, das den jungen Bushido zeigte, wie er dem Anschein nach eine sehr junge Frau bedrängte. Das alles muss Jahre her sein und, falls justiziabel, verjährt. Bushido bat um Entschuldigung.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Solche Vorwürfe sind in der Hip-Hop-Szene wie auch andernorts nicht neu und nicht unüblich. Diesmal lassen die Reaktionen aber vermuten, dass die Diskussion über sexualisierte Gewalt die Szene länger als ein paar Wochen beschäftigen könnte. Es scheint, als hätten sich einige Frauen vorgenommen, an den Kern des Problems zu gehen. Auf Instagram werden seither Erfahrungen gesammelt. Oft klingt das dann wie in den jüngsten Veröffentlichungen so: Rapper und Fan begegnen sich, Rapper will mehr oder wird zudringlich, Fan widersetzt sich oder traut sich nicht. Viele der anonymen Berichte enden mit der Benennung eines Gefühls: Schäbigkeit.

          Geäußert haben sich auch Frauen, die in der Szene aktiv sind. Sie kritisieren ein Netzwerk aus Künstlern, Musiklabels, Agenturen und Managements, das den Nährboden für solche Übergriffe schaffe. Andere Kritiker haben sich ein weiteres Mal über die Songs einzelner Rapper gebeugt und bringen frauenfeindliche, gewaltverherrlichende und von krankhafter Selbstüberhöhung getränkte Lyrics in Zusammenhang mit den Vorwürfen.

          Dringende Authentizität

          Es ist natürlich Unsinn, Rap-Texte zu lesen wie die Beweisstücke vergangener und bevorstehender Straftaten. Glaubten wir daran, dass alle deutschen Rapper, die in ihren Songs mit Knarren durch die Stadt rasen und koksend Selbstjustiz üben, dies wirklich täten, wir wären zu einem Alltag in Todesangst verdammt. Dass wiederum ein Song, der den Satz „Ich fick’ sie fast tot, sie liegt im Wachkoma“ enthält, nicht gerade jetzt erscheinen muss oder vielleicht auch nie, dürften die meisten Vertreter der Szene ebenso anerkennen wie der Rest der Deutschen.

          Unablässig wird nun über die unzureichende Trennung von Künstler und Werk geklagt, ausgerechnet im Rap, der so dringend auf seine Authentizität angewiesen sei. Es sei heuchlerisch, jetzt aus anderen, also eher bildungsnahen Kulturbereichen mit dem Finger auf die Szene zu zeigen. Da fragt man sich, ob die Debatten der letzten Jahre keine Erkenntnis gebracht haben. Als könnte ein Filmemacher, dem Frauen Misogynie oder sexuelle Gewalt vorwerfen, öffentliche Kritik von sich abperlen lassen. Ganz abgesehen davon, dass die Debatten der vergangenen Jahr gelehrt haben, besser nicht mehr mit dem Finger auf andere Kulturbereiche zu zeigen.

          Aus dem Lambo steigen

          Schreibt man über die Vorwürfe oder will mit Vertretern der Szene sprechen, gibt es derzeit einigen Gegenwind. Es ist ja auch kein Wunder: Kein Milieu liegt dem Kulturjournalismus ferner als der neue deutsche Hip-Hop, und kaum etwas wird so plakativ beschworen, mit kennerhaft vorgetragenen Analysen zu Rap-Techniken und Street Credibility – beinahe, als wünschten sich die Schreiber selbst ein Stück von dieser Härte. Dass es Hip-Hop-Künstler zwischen diesen Polen gibt, authentische und straßenweise, die nicht aus dem Lambo steigen und Mios zählen, vor allem jene, die länger im Geschäft sind und Töchter haben, ist kaum von Interesse. Das ist so ignorant wie die Kritik jener, die weder Songs noch Protagonisten kennen und nun erklären, im Rap sei der Sexismus geboren.

          Natürlich liegt es auch an der gesellschaftlichen Struktur. Aber als Argument reicht das nicht. Soll der deutsche Hip-Hop deshalb vom Diskurs ausgenommen werden? Die Struktur beinhaltet auch einen Bereich, indem männliche Musiker dank Rückendeckung jener, die von ihnen profitieren, glauben, sich alles erlauben zu dürfen.

          Es steht jedem frei, den Rap zu hören, der einem am meisten zusagt. Wenn die Vorwürfe gegen Samra aufgeklärt sind und sich herausstellt, dass es falsche Anschuldigungen waren, wird er weiter rappen. Es gibt genug Vertreter der These, Frauen hätten einen Hang zu übler Nachrede, wenn ihr Stolz verletzt werde. Für alle übrigen müsste es sich lohnen, für strukturelle Veränderung zu kämpfen. Vielleicht finden sich auf diese Weise noch mehr neue Ideen für Kunstfiguren, die ihre Macht nicht mehr aus der Erniedrigung von Frauen schöpfen. Mit erfolgreichen Rapperinnen wie Shirin David kann man sich ja wohl auch auf Augenhöhe battlen. Der Hip-Hop kann sich nicht in seiner Nische verstecken. Und seine Fans wissen das.

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