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Deutschpop : Die wo so singen tun, wie sie der Schnabel gewachst hat

„Augen” reimen sich auf „Glauben”: „Juli”

„Augen” reimen sich auf „Glauben”: „Juli” Bild: www.luxanalog.com

Was war der junge Lindenberg vor dem Tore gegen „Juli“ und „Silbermond“ doch für ein Orpheus: Die deutsche Poplyrik kämpft zwischen Legasthenie und Quote um Sinn und Verstand.

          5 Min.

          In ihrem größten Hit reimt die junge deutsche Band „Juli“ kurzentschlossen „vorüber“ auf „über“, weil das tatsächlich sehr ähnlich klingt, aber dafür auch „Augen“ auf „glauben“ - man kann's ja nuscheln.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Metaphern, die das Album „Es ist Juli“ drum herum versammelt, sind ähnlich riskant: Zweifel „schäumen über“, Licht „greift um sich“ - patsch! -, und insgesamt reizt die da versammelte wilde Lyrik - „Ich weiß, daß alles in dir schreit / Weil gar nichts von mir bleibt“ - vor allem zum Kichern: „Wenn du lachst, dann ist mir/alles andere so egal.“

          Auch bei der Konkurrenz von „Silbermond“ geht's hoch her. Im Textheft zur CD „Verschwende deine Zeit“ darf man die von der Debatte um die neue Rechtschreibung verursachten Verwüstungen bewundern: „Denn es ist Zeit / sich ein zu gestehn daß es nicht geht“ - wer sich zu erst ein zu gestanden hat, ist Sieger - , „die Kälte steigt, es muß schon spät sein“, aber wir erfahren nicht, wohin sie steigt, wahrscheinlich bis ganz oben im Thermometer, dann hopst sie raus und zerschellt klirrend am Boden, aber dafür werden wir Zeugen eines gewagten Experiments mit dem Ziel herauszukriegen, wie oft man das elend blasse Wörtchen „hier“ aus purer Faulheit und zum Silbenstopfen in zwei Verszeilen unterbringen kann, damit das Lied schneller fertig wird: „Ich nehm die letzte Bahn, die mich von hier noch zu dir fährt / Es ist ziemlich kalt hier unten, niemand sonst noch hier.“

          „Denn es ist Zeit / sich ein zu gestehn”: „Silbermond”
          „Denn es ist Zeit / sich ein zu gestehn”: „Silbermond” : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Blinde Anfänger

          Dasselbe einfallslose Füllsel kommt auch den Jungs von „Virginia Jetzt!“ gerade recht, man kann es auch als Reimkrücke einsetzen: „Und du bist immer noch bei mir/Wir sind immer noch zwei hier“. Warum nicht mal willkürlich Zeiten mischen? „Ach was war'n wir blind / weil wir Anfänger sind.“ Denn „nach Jahren der Verschwendung ist das Reality in Echtzeit“ - oder auch Poetry in Versen, kommt halt ganz drauf an.

          Während die Alten, sekundiert von ein paar etwas Jüngeren, eine Quote für Deutsches im Pop-Radio fordern, singen also die ganz Jungen und Nagelneuen tatsächlich wieder vermehrt deutsch oder jedenfalls so was Ähnliches. Ideologiekritiker verübeln ihnen hier und da den damit gelegentlich verbundenen Wir-sind-wieder-wer-Gestus und regen sich über Deutschtümelei auf, wenn „Virginia Jetzt!“ kokett-naiv eine einschlägige Wendung von Randy Newman mit „Das sind mein Land, meine Menschen/Das ist die Welt die ich versteh“ übersetzen.

          Friedliches Deutschland

          Wer jedoch einmal gehört hat, wie die Band „Mia“, deren Sängerin sich „Mieze“ nennt und sich auch politisch gut auskennt - „Wow, Deutschland steht für Frieden!“ -, am 1. Mai vor der Berliner Volksbühne eine scheußliche Instrumentalversion der Nationalhymne der DDR herunterholzt, muß zugeben, daß auch ein generelles ideologiebegrenzendes Sing- und Textverbot für präpotente Popjungdeutsche die Lage kaum verbessern würde.

          Betrachtet man die Sache nüchtern, dann fällt auf: Im Gegensatz zur Neuen Deutschen Welle, deren einprägsamen Namen seinerzeit der immer noch aktive Hamburger Plattenkoch Alfred Hilsberg erfunden hat, handelt es sich bei der Erscheinung, die einem da neuerdings in den Ohren liegt, eher um den defensiven Lärm der Bewohner eines stehenden Gewässers.

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