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Deutschlands Liedermacher : Wortmörder ahoi!

  • -Aktualisiert am

Herren an der Klampfe: Liedermacher in Tutzing Bild: F.A.Z.-Jan Roeder

Der Singer-Songwriter genießt weltweiten Ruhm, als Liedermacher hingegen ist man nicht cool. Auf einer Tagung in Tutzing klagten die deutschen Gitarrenbarden einander nun ihr Leid.

          Ein Mann schrummelt einen Mollakkord auf einer Akustikgitarre und öffnet dann den Mund, um ein paar Zeilen über die Frühstücksmarmelade, die Schneidezähne seiner Angebeteten oder die Mehrwertsteuer anzustimmen.

          Benutzt er dafür die englische Sprache, so ist er ein Singer-Songwriter in der glorreichen Tradition von Woody und Arlo Guthrie. Vertont er aber deutsche Texte, fällt er unweigerlich unter den Begriff des Liedermachers - und der weckt ganz andere Assoziationen. Er klingt nach selbstgemischtem Müsli, nach Sitzblockaden und nach gnadenloser Ehrlichkeit. Als Liedermacher ist man nicht cool.

          In Opposition zum Zeitgeist

          Warum werden die Worte „Singer-Songwriter“ und „Liedermacher“ nie ineinander übersetzbar sein? Warum gibt es hierzulande keinen Beck Hansen oder Adam Green? Während handgemachter Folk in Amerika immer seinen Platz im Herzen des Popsystems hatte und in den letzten Jahren durch Antifolk und Neofolk wiederbelebt wurde, bleibt der Gitarrenbarde in Deutschland eine Einzelgängerfigur, die sich von Natur aus in Opposition zur Popmusik und - zumindest seit dem Ende des goldenen Liedermacherzeitalters der siebziger Jahre - auch zum Zeitgeist befindet. Zwischen dem Sound eines Banjos und dem Klang einer deutschen Wanderklampfe liegen Welten, selbst wenn dieselben Melodien darauf gespielt werden.

          Ein schönes Beispiel für den deutschen Sonderweg durch die Liederkiste gab Konstantin Wecker auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing, die von Volker Panzer moderiert wurde und am kommenden Sonntag als Zusammenfassung im „nachtstudio“ des ZDF läuft. Vor ein paar Jahren baten ihn Kollegen nach einem Weltmusikfestival an der Hotelbar, ein deutsches Lied anzustimmen - und der Münchner Pianomann wählte aus unüberwindbarem Unbehagen am deutschen Liedgut eine Eigenkomposition.

          Unsere Lieder sind tot

          Als entscheidende Bruchstelle wurde am Starnberger See, wo die alte und neue Szene der deutschen Liedermacherei über Geschichte und Gegenwart des Genres diskutierte, auch sechzig Jahre nach Kriegsende noch die Nazizeit ausgemacht. Nach Auschwitz ein deutsches Lied zu singen, galt frei nach Adorno als barbarisch - wenn das Lied nicht die Barbarei der Nationalsozialisten zum Thema machte. So ist Franz Josef Degenhardts auf der Tagung zitiertes Lied „Die alten Lieder“ zu verstehen: „Tot sind unsere Lieder, unsere alten Lieder. Lehrer haben sie zerbissen, Kurzbehoste sie verklampft, braune Horden totgeschrien, Stiefel in den Dreck gestampft.“

          Daß inzwischen auch die neuen Lieder der sechziger und siebziger Jahre nicht mehr ungebrochen lebendig sind, hat sicherlich ganz andere Gründe - wenn auch mancher einstmals beliebte Friedenssong inzwischen seinerseits von Lehrern zerklampft oder auf Demonstrationen zersungen worden sein mag. Im historischen Schaubild, das Michael Kleff von der Zeitschrift „Folker!“ als Illustration zu seinem Vortrag auf eine Plakatwand gemalt hatte, tauchten die achtziger Jahre mit der von Synthesizern getragenen „Neuen deutschen Welle“ nur als Wolke mit den Inschriften „Niedergang“ und „Durststrecke“ auf. Michael Kleff, mit seinem grauen Bart ein „Folkie“ reinsten Wassers und als Ehemann der Tochter von Woody Guthrie nah an den Quellen, vertrat dann auch eine Orthodoxie des Liedermachertums, der zufolge selbst Bob Dylan dem Kreis relevanter Musiker „nur für eine kurze Zeit“ seines Frühwerks angehörte.

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