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Deutschlands Liedermacher : Wortmörder ahoi!

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Vom Poeten zum Kulturarbeiter

Über den Ursprung der Vokabel „Liedermacher“, die versprengt schon in der Literatur voriger Jahrhunderte auftauchte, gab es auf der Tagung konkurrierende Erzählungen. Die eine besagt, Wolf Biermann habe den Terminus im Gespräch mit Hanns Eisler zur Beschreibung seines Musikstils eingeführt - die andere, Biermann habe vielmehr Eislers Vorschlag zur Benennung geklaut. Jedenfalls zielte der analog zu Brechts „Stückeschreiber“ benutzte Begriff auf eine Entmystifizierung des harfespielenden Poeten, der sich als Kulturarbeiter in die produzierende Bevölkerung einzureihen hatte.

Allerdings trat auf der Tagung die interessante Paradoxie an den Tag, daß gerade die prosaisch angelegte Figur des Liedermachers sehr bald von einer eigenen Aura umlagert wurde und damit auch ihren eigenen Authentizitätskult hervorbrachte. So sah Christof Stählin, schon bei der Urszene des deutschen Liedermachertums 1965 auf Burg Waldeck bei Koblenz dabei, den definitorischen Kern des Liedermachers in der „Glaubwürdigkeit der Lieder, eins zu eins mit der Person“. Anders als der Popstar sei der Liedermacher „nicht mit einer Kunstfigur abgeschirmt“ und somit durch seine „Verletzbarkeit“ gekennzeichnet. Und Ulla Meinecke, die als Liedtexterin für Rio Reiser, Udo Lindenberg und Heinz Rudolf Kunze deutsche Popgeschichte geschrieben hat, sah die Echtheit der Sprache als entscheidendes Kriterium und warf den Werbeleuten „professionelle Wortmörderei“ vor, da sie die Sprachwerkzeuge unbrauchbar machten.

Geringschätzung der Mittel

Daß mit der Prämie für die höchste Authentizität manchmal eine Geringschätzung der verwendeten Mittel einherging, weiß allerdings auch ein Christoph Stählin, der sich persönlich schon früh in seiner Karriere für die „Kunstfertigkeit“ und gegen das blinde Geschrammel entschied und heute in Friedberg eine „Akademie für Poesie und Musik“ betreibt. Der Schriftsteller Thomas Meinecke, der als Mitglied der Band „FSK“ selbst Teil der von den Liedermachern als Katastrophe empfundenen „Neuen Deutschen Welle“ war, verwendete dann auch auf dem Podium die Kategorie des „Sounds“, die in den Diskussionen oft nur als abschätzige Bezeichnung für konsumierbare Klänge ohne wertvolle Botschaft bezeichnet wurde.

Auch der Musiker und Journalist Carl-Ludwig Reichert beschrieb, daß er sich in den sechziger Jahren eher von Bands wie „Velvet Underground“ oder „Jefferson Airplane“ als von „klampfenden Musikern im Wandervogelstil“ angezogen fühlte - und hielt trotzdem unter Rückgriff auf das achtzehnte Jahrhundert ein starkes Plädoyer für das volkstümliche Lied, das er mit Gottfried August Bürger als „Nonplusultra der Kunst“ bezeichnete und zum Beispiel in erotischen Liedern bayerischer Mundart auf seiner Höhe sah.

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