https://www.faz.net/-gqz-9hq6c

Rapper Serious Klein : Gott ist krass

Jetzt muss noch das Land sich ändern. Und was kommt dann? Der Rapper Serious Klein Bild: Martin Eklund

Ein deutscher Rapper, der nicht vom Gangsterleben singt, sondern von Jesus, der Hackbraten zubereiten kann und studiert? Im Zug mit dem Musiker Kelvin Boakye alias Serious Klein.

          6 Min.

          Er ist der undeutscheste deutsche Rapper und sitzt im Restaurant der Deutschen Bahn, die jetzt Berlin verlässt. Kelvin Boakye fährt nach Hause. Er trägt ein neongrünes Sweatshirt zur Jogginghose, als Schuhe selbstverständlich 1er Jordans. Und auch im harten, kalten Zuglicht, in der gesichtslosen Einrichtung des Speisewagens, sieht Kelvin Boakye so aus, als ob er jetzt nach Silver Lake, L. A., führe und nicht nach Essen-Frohnhausen.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als Rapper heißt er Serious Klein und ist in Deutschland im Moment das Größte, was der Rap versprechen kann. Er erzählt nicht vom Gangsterleben, er war nie kriminell. Er rappt auch keine Harmlos-Lieder über Studenten für Studenten, obwohl er selbst studiert, in Dortmund, Film. Macht keine Love-Rap-Songs, die schlagerhaft melodisch sind. Das machen andere, machen viele. Kelvin Boakye erzählt in seinen Texten autobiographisch von sich selbst, von seinem Vater, seiner Mutter. Sie kam mit 16 Jahren aus Ghana nach Deutschland, kam mit dem Vater von Boakye. Doch er war abwesend, die Mutter war alleinerziehend. Davon rappt er auf seinem Debüt „You Should’ve Known“, rappt von der Nähe zum Vater, die ihm fehlte, von dessen Tod in Ghana.

          Wie gut es in Deutschland ist

          Im Zug redet er jetzt von seiner Mutter, er schaut kurz raus, doch draußen Dunkelheit, die Landschaft unsichtbar, das Fenster ist ein Spiegel, der Rapper sieht sich selbst. „Dass meine Mutter nach Deutschland zog, das hat mir viel ermöglicht. Denn hier hatte ich andere Chancen als meine Cousine, mein Cousin in Ghana.“ Er sagt, wie gut es ist in Deutschland, weil deutsche Bildung gut ist, und während er das sagt, klingt er so wie die Ausländer, die Vorbilder in Deutschland spielen müssen. Kelvin Boakye aber ist kein Ausländer, er ist geboren in Hannover, mit vier Jahren ins Ruhrgebiet gezogen.

          Wenn man ihm gegenübersitzt, ihn über Deutschland fragt, fühlt es sich falsch an. Weil man ihn das nicht fragen würde, wenn er nicht schwarz wäre. Oder wenn man selbst wüsste, wie es ist, in Deutschland schwarz zu sein. Doch davon keine Ahnung, deshalb mehr falsche Fragen: Sieht er sich selbst als Deutscher? „Nein“, sagt dieser Rapper so, als ob er das oft sagen würde, und dann, dass er nur ein Produkt von Deutschland sei, nur auf dem Papier ein Deutscher: „Denn meine Wurzeln sind in Ghana, daher kommt die Kultur, mit der ich groß geworden bin.“

          Wollte er irgendwann mal richtig deutsch sein? Das wollen doch oft viele vorbildliche Ausländer und Kinder von Ausländern. „Nein, weil ich von klein auf wusste, dass ich anders bin, es lässt sich ja durch die Hautfarbe nicht verstecken.“ Wieder fühlt es sich schief an, mit einem Musiker über Herkunft und nicht über Musik zu sprechen. Andererseits geht es auf seinem Album auch darum. In „Black on Black“, dem großen, starken Song, den man auch Tage nach dem ersten Hören summt, erzählt er es: „Momma told me that it’s hard as a immigrant / Thought we made it of the boat / But a nigga still a nigga, still irrelevant / In the land where I am from / We never dare to think about a black president“. Aufgeschrieben sehen diese Lines leicht leer aus. Es fehlt der Beat, der Bass, der an den besten Stellen durch den Körper bohrt, und es fehlt auch der Stil von Serious Klein, so wie er rappt, die schwebende, präzise, volle Art, mit der er Worte auf Musik setzt.

          Wenn man einen Song schreibt, der so wahr klingt, muss man dann selbst Rassismus kennen? Wie viel gab es im Leben von Boakye? „Genug“, sagt er, der Musiker, der jetzt wieder Rassismusbeauftragter ist. Man sieht, dass es ihn nervt. „In der Grundschule hat es angefangen, es ging um meine Lippen, meine Hautfarbe, ältere Herren ließen das N-Wort fallen, mal wurde ich verfolgt, solche Geschichten und zu viele.“ Darauf kann wieder keine Interview-mit-einem-Rapper-Frage folgen, es kommt nur diese: Was soll man gegen den Rassismus tun? „Wir müssen den Zusammenhalt von uns Ausländern, Migranten, Flüchtlingen stärken. Und es zum Thema machen. Dann kann sich etwas ändern. Wenn beispielsweise heute jemand kommt und die N-Bombe vor mir droppt, gibt es die Möglichkeit, dass ich ihn anzeige. Früher gab’s das nicht. Das zeigt, dass Öffentlichkeit hilft.“

          Kelvin Boakye spielt jetzt mit seinem Ring, ein großer grüner Stein in Gold gefasst, den er am kleinen Finger trägt. Es kommt ein Halt. Hannover. Der Speisewagen leert sich. Doch Speisewagen stimmt nicht, denn dieser Zug hat heute keine Speisen. „Leider kann ich Ihnen nur ein Käse-Schinken-Baguette anbieten“, sagt der Zugkellner überhöflich. Boakye bedankt sich, verneint in einem Ton, der höflicher sein will. Bestes-Benehmen-Battle. Boakye siegt, erzählt dann, dass er selber kocht: Er kann ghanaisch und kann deutsch. Was ist ghanaisch? „Zum Beispiel Jollof“, sagt er sehr ernst, erklärt dann Jollof: „Das sind Tomaten und Gewürze, Rindfleisch und Reis im Topf.“ Und was ist deutsch? „Klöße mit Rahmsoße und Hackbraten, das ist, was ich so kann.“ Aber warum kann denn ein Rapper kochen? „Weil meine Mutter alleinerziehend war und immer sagte, dass ich kein Mann werde, wenn ich nur Frauen kochen lasse.“

          Die Mutter von Boakye ist Kindergärtnerin, und ohne sie hätte er vielleicht nie Musik gemacht, denn sie hat immerzu Musik gehört. Kool & the Gang und Michael Jackson und Marvin Gaye und Daddy Lumba. „Der Michael Jackson Ghanas“, erklärt Boakye, und sein Gesicht ist jetzt nicht mehr so ernst, nicht mehr der aufgezwungene Integrationsbericht. Endlich geht es um die Musik, denkt er wahrscheinlich.

          Korinther 13!

          Seine Musik ist anders und ist neu in Deutschland, weil er nirgendwo ein Mitglied ist, worum es hier im Rap oft geht. Jeder erzählt in seinen Texten von einer Mitgliedschaft: im Fitnessstudio, im Clan, in der Koranschule. Boakye nicht. Die Texte, die er schreibt, sind Short Storys, zusammen ergeben sie ein Leben, und im erzählten Leben fällt etwas auf: der Glaube. Wieder klingt das nur aufgeschrieben schief, so unnötig und unmodern wie Faxgeräte, und hat auch noch einen leichten Flavour von Xavier-Reichsbürger-Naidoo. Ist aber falsch. Denn hört man zu, die Beats, dieses perfekte, warme Rapper-Englisch, will man – auch, wenn man nicht an Gott glaubt – selbst „Jesus, Jesus, Jesus“ rufen (auf Englisch, klar).

          Kelvin Boakye spricht über seinen Glauben. Was ist die beste Bibelstelle? Er antwortet so schnell, als wäre er jetzt Kandidat in einer Quizshow, die auf Zeit geht: „Korinther 13!“

          Gut, nächste Frage: Was ist da noch mal los?

          „Das Hohelied. Es beschreibt, was Liebe bedeutet.“

          Gut, nächste Frage: Was ist die schlimmste Bibelstelle?

          Der Kandidat denkt nach, die Zeit läuft ab. „Man muss natürlich hinterfragen, was da drin steht. König David zum Beispiel, der die Gebote bricht und trotzdem noch ein Mann nach Gottes Gefallen ist. Andererseits ist keiner frei von Fehlern. Und zu wissen, dass Gott alles verzeiht, das zeigt, wie krass er ist.“

          Und es ist überraschend, einen 27-Jährigen zu sehen, der Bibelstellen zitiert, seine Musik zu hören, in der Gott auftaucht. Obwohl im Rap in Deutschland der Glaube oft auftaucht, doch eher der muslimische. Inschallah und nicht Jesus. Deshalb noch mal die Fragerunde: Gibt es im Rap in Deutschland einen Glaubenskrieg?

          „Nein. The key is love“, sagt er sofort. Und das ist zu viel Love and Peace für einen Speisewagen der Deutschen Bahn. Deshalb noch zur deutschen Politik: Welcher Politiker ist eigentlich der schlimmste? Boakye weiß es gleich: „Der schwarze Typ, der in der AfD ist. Der heißt . . .“ Er drückt, während er spricht, etwas ins iPhone rein und zeigt das Display, es sagt: Achille Demagbo. Demagbo ist der Mann, der auf einem AfD-Parteitag sagte, dass „wir“ Deutschland mit Afrikanern nicht „überfluten“ dürften. Der Rapper ist auf einmal und zum ersten Mal fast Gangsterrapper und ist wütend: „Du bist schwarz, Bro! Du sprichst die Meinung nur aus, damit die AfD nicht so aussieht, wie sie aussieht. Du bist ein Werkzeug!“

          Wieder kommt das Gespräch zurück zur Hautfarbe, zur Herkunft. Noch zehn Minuten bis Essen. Kelvin Boakye schaut wieder raus, doch wieder ist das Fenster nur ein Spiegel. Sieht man ihm zu, spielt im Kopf lautlos sein sanftester und schärfster, tiefster Song, spielt „Thought I Let You Know“, dort erzählt er, wie er im Spiegelbild seinen Vater sieht, erzählt vom Tag seiner Beerdigung: „Your funeral the celebration of a legend / Moments of proximity / Cause we never really had them“. Kelvin Boakye spricht direkt von seinem Leben, in der Musik und auch im Zug. Jetzt spricht er über seinen Onkel, der Nazi war, sich freiwillig zur Wehrmacht meldete. Dieses Familienverhältnis, diese Familiengeschichte ist kompliziert und ist verrückt.

          Boakye hatte einen deutschen Stiefvater und dessen Vater einen Bruder: Onkel Willy. Zum ersten Mal sah er den Onkel, als er vier Jahre alt war. Es war auf einem Familienfest, der kleine Junge fragte den alten Mann, ob sie jetzt Freunde seien. Der Onkel weinte. „Er weinte, weil er es bereute, dass er Nazi war“, sagt Boakye, und er hat, wenn er von diesem Onkel spricht, Wärme in der Stimme. Der Onkel wurde älter, wurde krank, die Mutter pflegte ihn. Obwohl sie schon getrennt war vom deutschen Stiefvater Boakyes, nahm sie den kranken Mann in ihrem Haus auf. Und weil er selbst nie Kinder hatte, hat er, der Ex-Nazi, die Frau aus Ghana adoptiert. „Ja, er war vom Mindset von Hitler überzeugt, war damals jung, wollte dazugehören, aber er hat später verstanden, dass es Schwachsinn war“, sagt Boakye. Ankunft in Essen Hauptbahnhof, Ausstieg rechts.

          Vielleicht ist Boakyes Verhältnis zu seinem Onkel wie sein Verhältnis zu dem Land, in dem er lebt. Denn er mochte den Onkel, er mag Deutschland. Obwohl etwas nicht stimmt – im Fall des Onkels der Nazismus. In Deutschland der Rassismus, den Boakye erlebte und erlebt.

          Der Nazi hatte sich geändert. Jetzt muss noch das Land sich ändern. Und was kommt dann? In einer solchen Fiktion? Oder wird das doch irgendwann die Wirklichkeit? Und kann es dann überhaupt noch solche aufregenden und großen undeutschen deutschen Künstler geben? Zu spät zum Fragen. Kelvin Boakye steht jetzt auf, schaut aus dem Fenster. Der Essener Bahnhof leuchtet weiß-metallisch. Der Rapper lächelt und sagt „Zuhause.“

          Weitere Themen

          Rappen ohne Protzen

          Hip-Hop aus Offenbach : Rappen ohne Protzen

          Als Nepumuk zeigt Nelson M. Brandt, dass Hip-Hop sehr gut ohne den Klamauk drumherum auskommen kann. Statt auf Gangsta-Rap setzt der Musiker auf Soul, Funk und Jazz.

          Topmeldungen

          Besucher auf der Pekinger Automesse probieren den neuen Mercedes V260 L SPV.

          Pekinger Automesse : Autobauer hoffen auf China

          Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie kommt die Autowelt wieder in China zu einer großen Messe zusammen. Die Aussichten für den größten Automarkt sind gut - aber auch die Abhängigkeit von China wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.