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Deutscher Rap : Fünf, sechs Fantastische

Ein Bild aus alten Zeiten: Die fantastischen Vier im August 1993 Bild: picture-alliance / dpa

Die neue Platte der Fantastischen Vier, die neunte seit 1989, heißt „Für dich immer noch Fanta Sie“, und in diesem Titel steckt schon das ganze Geheimnis. Überhaupt ist es ein gutes Jahr für Musik, die mal deutscher Rap hieß.

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          Das, was man einmal Hiphop aus Deutschland nannte, Rap mit deutschen Texten, hat sich dank Witz, Sprachliebe und einer spürbar guten Laune bei der Arbeit über die Jahre hinweg in etwas komplett Eigenständiges verwandelt. In etwas, das sich weit entfernt hat von den Vorbildern aus Amerika und heute nicht mehr viel mit ihnen zu tun hat als vielleicht die gleichen Lieblingsplatten. In etwas, das überhaupt mit Hiphop nicht mehr viel zu tun hat, nicht mit dem Hiphop jedenfalls, wie man ihn zu kennen glaubt von Leuten wie, zum Beispiel, völlig wahllos: Eminem oder Busta Rhymes oder Nelly. Es hat sich verwandelt in souveräne Musik, die mal swingt und mal mit lauten Gitarren daherkommt und mal mit dampfendem Bläsersatz und die sich um Etiketten nicht mehr schert, oder um Gettos oder die Straße.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gerade hat der Rocker Marius Müller-Westernhagen in einem Artikel für die „Zeit“ mehr Haltung in der Unterhaltungsindustrie gefordert. Die Fantastischen Vier, und nicht nur sie, auch Fettes Brot, auch der Hamburger Rapper Dendemann, auch Peter Fox und Jan Delay oder Samy Deluxe machen aber schon seit Jahren vor, was das heißt: Haltung. Und wie sie die Kunst verändern kann, so sehr, dass man nach einem Format für sie sucht und am Ende nur dabei herauskommt, Popmusik dazu zu sagen. Was sonst? Popmusik, die von sich selbst glaubt, Spaß zu machen und Glück zu bringen und ein paar gute Gedanken über die Rettung der Welt oder nur eines schönen, angebrochenen Nachmittags. Und all das mit deutschen Texten.

          Diese Haltung gründet im Humor. In blödlustigen Reimen wie „Attention, ihr Menschen“ von Dendemann, zum Beispiel. Und weil Humor nicht ohne Sprache funktioniert, meistens jedenfalls nicht, gründet sie eben auch in der Liebe zum Wort und wie man es am schönsten verdrehen kann. Bei den Fantastischen Vier war das nicht immer so, sie haben sich in den letzten zwanzig Jahren aber Platte für Platte stärker in diese Richtung bewegt. Und vielleicht, schwer zu sagen, begann diese Bewegung auch damit, dass eine Karriere wie die dieser vier Stuttgarter eben nur schwer auszuhalten ist, wenn man nicht irgendwann beginnt, Distanz zu schaffen zum eigenen Mythos („die ersten deutschen Rapper“) oder Unglück („Die da“).

          Michi Beck (l.). Thomas D. und Smudo von den Fantastischen Vier im November 2007 in Mannheim
          Michi Beck (l.). Thomas D. und Smudo von den Fantastischen Vier im November 2007 in Mannheim : Bild: dpa

          Kein Hiphop mehr, dafür „Wetten, das ..?“-tauglich

          Und das geschieht am besten durch Humor. Wenn man ihn hat, er fällt ja nicht vom Himmel. Was bei anderen - wie Jan Delay oder den unvergessenen Fünf Sterne Deluxe - der vom Himmel gefallene, naturcoole Humor war, das war dann bei den Fantastischen Vier eine genaue Ortskenntnis in der Popkultur, wie sie in bundesrepublikanischen Kinderzimmern gedieh. Wer wollte, konnte das sogar schon auf dem vermaledeiten „Die da“ hören, weil sie damals auch ein Sample aus „Krieg der Sterne“ unterbrachten, von einer Hörspiel-LP, für die man heute wahrscheinlich viel Geld bei Ebay bekäme.

          Diese Zitiererei schlug dann irgendwann vom Text auch auf die Videos um, und so wird man ziemlich schnell ziemlich fröhlich, wenn man jetzt „Gebt uns ruhig die Schuld“ hört und sieht, die erste Single von der neuen Platte, in der sich die Fantastischen Vier in die Sixties hineinkopieren (im Video verwandelt sich Thomas D in eine blonde Gretelfrisur, das ist sehr sehenswert). Falls es doch noch ein amerikanisches Vorbild für diese Musik gibt, dann ist es „Hey ya“ von Outkast: Das sind auch Rapper, die keinen Hiphop mehr machen, aber dafür Songs schreiben, die auch bei „Wetten, dass . . .“ bejubelt würden. Dorthin gehören auch die Fantastischen Vier, dort zeigt sich nämlich, ob eine Musik eine Haltung hat. Ob sie sich selbst trägt, ohne allzu viel erklären zu müssen.

          Für Fettes Brot hat sich diese Frage endgültig geklärt, als sie „Schwule Mädchen“ schrieben, die denkbar aggressivste Antiaggressionsmusik. Das hört man jetzt noch mal auf einer gigantischen Retrospektive, die die drei Hamburger auf zwei CDs versammelt haben, „Fettes“ heißt die eine, „Brot“ die andere, einunddreißig reimende Lieder. Dendemann wiederum dreht mit „Vom Vintage verweht“ seine einsamen Runden auf einer Umlaufbahn, auf die ihm keiner mehr folgt, er rappt in Hochgeschwindigkeit, aber wenn man mit ihm darüber redet, ist er der freundlichste Mensch der Welt, überlegt, wach. „Ich sehe mich als Künstler, der deutsche Musik macht“, sagt er, dass ihm aber diese Musik nicht so wichtig sei wie der Humor, der seine Texte mit denen all der anderen verbindet, die mal als Rapper begannen und jetzt die freieste Musik machen in einem Land, von dem man mal dachte, es besäße keinen Humor.

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