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Deutsche Helden : Westernhagen wiedergehört

  • -Aktualisiert am

Auch mit sechzig Jahren noch fit an der Gitarre: Marius Müller-Westernhagen Bild: dpa

Erst war er „Theo gegen den Rest der Welt“. Dann füllte er mit seinen Konzerten problemlos Stadien. Heute feiert Marius Müller-Westernhagen seinen sechzigsten Geburtstag. Den Rebellen von einst gibt er nicht mehr.

          Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Sobald deutsche Rockmusiker versuchen, über den ihnen persönlich zugänglichen Erfahrungsraum hinaus sinnstiftend zu wirken, geht die Sache schief oder wird peinlich. Man höre Lindenberg, Grönemeyer oder Maffay - sie alle haben ihre Stärken in der Milieuschilderung, nicht aber im Kommentar zur politischen Lage.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Marius Müller-Westernhagen macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme und hat sich spätestens seit dem Bundesverdienstkreuz, das ihm sein Freund Gerhard Schröder ans Revers heftete, damit auseinanderzusetzen, dass er als SPD- und Armani-Rocker gilt: weltoffen und tolerant, aber ohne Nehmerqualitäten.

          Den Theo, der es buchstäblich mit dem Rest der Welt aufnahm, enorm verdroschen wurde, trotzdem immer wieder aufstand und sogar noch ein freches Wort auf den blutigen Lippen hatte, verkörperte er in Peter F. Bringmanns Film derart stimmig, dass man schon dachte, so wäre Marius Müller-Westernhagen selber auch.

          Der Altmeister des deutschen Rocks bei einem Konzert in Dortmund vor drei Jahren

          Pubertär und rücksichtslos

          Als Musiker und Schauspieler war er damals, um 1980, auf der Höhe seiner Kunst. Lieder wie „Lady“, „Von drüben“ oder „Gute Nacht, Hermann“ zeigten ihn von seinen überzeugendsten Seiten: den aus der Pubertät einfach nicht Herauskommenden, der jedem Rock nachsteigt; den Zyniker, der nicht daran denkt, Rücksichten zu nehmen; und den einfühlsamen Schilderer normaler, oft öder Existenzen. Alle diese Eigenschaften waren schon zum Ausdruck gekommen auf der Platte, die auch nach dreißig Jahren noch sein Meisterstück ist: „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“.

          Darauf enthalten sind nicht nur die legendäre und wohl nur ironisch gemeinte Problemgruppenbeschimpfung „Dicke“, die Trinkerballade „Johnny W.“, die Verlierer-Sympthieerklärung „Zieh' dir bloß die Schuhe aus“ und manches andere Glanzstück; sondern auch die angesichts der Tatsache, dass es damals ja erst richtig losging mit der Karriere, erstaunlich resignative Selbstbesinnung „Mit 18“, die zu den besten deutschen Rockstücken gehört, makellos in Musik und Text: „Ich möcht' zurück auf die Straße / möcht' wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut. / Denn Gold find man bekanntlich im Dreck / Und Straßen sind aus Dreck gebaut.“

          Immer unverständlichere Texte

          Im witzigen Titelsong dieser Platte deutete sich aber auch schon eine Entwicklung an, die neben den üblichen Karriereschwankungen mit dazu geführt hat, dass Marius Müller-Westernhagen an Respekt eingebüßt hat: Zwar hatte er damals unter der Aufsicht seines neuen Produzenten Lothar Meid zu einem schnörkellosen und lange tragfähigen Rolling-Stones-Sound gefunden, der die vormals unausgegorene Mischung aus Rock und Liedermacherei ablöste; aber die Texte wurden nun immer ambitionierter oder unverständlicher, oft auch beides.

          Nicht nur die bisher jüngste Platte „Nahaufnahme“ (2005) enthält Entgleisungen, die keiner Erwähnung wert wären, wenn sie nicht von ihm kämen: „Waren's die Juden / Der schwarze Mann / War es Bin Laden / Wer fing bloß an / Die Achse des Bösen / Die Demokratie / Keiner weiß wirklich / Wann und wie“.

          Wichtig oder nur für wichtig gehalten?

          In der Zeit dazwischen war Marius Müller-Westernhagen neben dem im Ganzen doch etwas experimentierfreudigeren Herbert Grönemeyer der wichtigste, manchmal aber auch nur für wichtig gehaltene deutsche Mainstream-Popmusiker.

          Dies konnte er werden, weil Lindenberg und Maffay dazu zu unbeständig waren; er wurde es aber auch dank Fleiß und Talent. Mit instinktsicherem Populismus gab er nach der Wende in Konzerten, mit denen er problemlos Stadien füllte, Hymnen wie „Freiheit“ oder „Lass uns leben“ zum Besten; die Ergebenheit, die ihm dabei entgegenschlug, aber auch irritierte, machte es evident, dass dieser Sänger in der Lage war, allgemeine Stimmungen zu treffen oder anzuheizen. In dieser Zeit war Marius Müller-Westernhagen tatsächlich ein gesamtnationaler Künstler, der freilich vor jeder Vereinnahmung zurückschreckte.

          Er hätte lieber mehr gespielt

          Trotzdem war Glaubwürdigkeit für ihn nie etwas, wonach er sich gerichtet hätte. Offen gab er zu, dass er es bedauert, seinen schauspielerischen Ehrgeiz nicht ganz befriedigt zu haben. Das Risiko, sich unbeliebt zu machen, hat ihn indes nie geschreckt.

          Dieser Musiker, der mit seiner mehr als schlanken Figur und seinem Modebewusstsein fast etwas Feminines, Rockeruntypisches ausstrahlt, hat es längst aufgegeben, dem Vorurteil entgegenzutreten, er sei arrogant. Seine Feinnervigkeit und Dünnhäutigkeit, die er zu Theo- und Pfefferminz-Zeiten mit Witz, Tempo und Schlagfertigkeit zu überspielen wusste, hat er sich bewahrt.

          Der proletarische Rebell wird er nie wieder sein

          Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Dreck, der er in einem jüngeren Lied erneut Ausdruck verliehen hat: „Ich rieche den Dreck / Ich atme tief ein / Und dann bin ich mir sicher / Wieder zu Hause zu sein“.

          Marius Müller-Westernhagen, der an diesem Nikolaustag schon sechzig Jahre alt wird, weiß, dass es für ihn eine Rückkehr zu dem proletarischen Rebellentum, das er einst wie kein Zweiter verkörperte, nicht gibt - dazu sitzen seine Anzüge zu gut.

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