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Der Weltstar ist achtzig : Ganz Paris träumt Caterina

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Sie ist der einzige Weltstar, den Deutschland den Musikbühnen geschenkt hat. Heute feiert Caterina Valente achtzigsten Geburtstag. Ihr letztes Konzert hier liegt fünfzehn Jahre zurück, die Erinnerung aber ist jung.

          „Komm Fremder, rauch mit mir noch eine Zigarette, und trink noch einen Whisky mit mir. Ich glaub', wenn ich dich heute Nacht nicht bei mir hätte, ach ich hätte Angst vorm Regen und vor mir.“ Was unsereins liest wie einen schwächeren Reim von Silbermond oder Rosenstolz, war 1954 der brisante Versuch, die Wirtschaftswunderprüderie zu unterlaufen. Er misslang; da mochte Kurt Edelhagen, Deutschlands Vorzeigejazzer, auch noch so oft darauf verweisen, dass Lester Lees „South Pacific Blues“, 1953 in „Miss Sadie Thompson“ von Rita Hayworth gesungen, für einen Grammy nominiert worden war.

          Da mochte Caterina Valente noch so stolz darauf sein, Stimmakrobatik mit den Tönen einer depressiven Hafenhure kombiniert zu haben - die Produzenten winkten ab. Wen der „Spiegel“ auf seiner Titelseite gerade „die Stimme des Aufschwungs“ genannt hatte, der durfte seine Karriere jetzt nicht mit einem Lied gefährden, das man auch bei bester Bigotterie nicht als das einer „Lebedame“ umschreiben konnte.

          So sang die Hochgelobte stattdessen folgsam ein keimfreies „Ganz Paris träumt von der Liebe“ - und landete den Hit des Jahres. Es folgten ihre Wirtschaftswunderhymne „Es geht besser, besser, besser“ und der Dauerbrenner „Musik liegt in der Luft“, dann hakte Caterina Valente das swingende „Istanbul“ - ihre erste Plattenaufnahme überhaupt - samt „I Remember April“ mit Chet Baker als Petitessen für Kenner ab, drehte Revuefilme, die Europas Kinokassen füllten und führte samstagabends live durch „Bonsoir, Kathrin“, die erste deutsche Fernsehshowserie.

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          Disziplin bedeutete für sie auch den Verzicht auf berechtigten Protest

          Der verpasste Blues sollte nicht ihr einziger Fehlschlag bleiben. Sie machte trotzdem Weltkarriere - doch warum ihr das gelang, darüber sagen die Flops genauso viel, wenn nicht mehr aus als die Triumphe. Zum Beispiel der Start in Amerika: Nachdem sie 1955 mit „Malaguena“ und „The Breeze and I“ über Nacht an die Spitze der amerikanischen Charts gelangt war, in einer Fernsehshow live from coast to coast gesungen und im illustren Cotillon Room in New York gejazzt hatte, bot der Broadway Caterina Valente die Rolle der Maria in der Uraufführung der Musicalversion von Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ an. Sie hielt ihr Englisch für noch zu lückenhaft und sagte ab.

          Als ihr einige Jahre später, nach einer Grammy-Nominierung und Auftritten mit Perry Como, Bing Crosby, Dean Martin, Danny Kaye und Ella Fitzgerald, die Gelsomina in der Musicalfassung von Fellinis „La Strada“ angetragen wurde, zögerte sie nicht, erhielt schon bei den ersten Proben Applaus von den Bühnenarbeitern (dem strengsten Publikum), biss die Zähne zusammen, als die Produzenten erst den Regisseur, dann Anthony Quinn entließen - und ging wortlos, als ihnen einfiel, sie sei eventuell nicht mehr jung genug.

          Ebenso diszipliniert verzichtete die Künstlerin auch auf Protest, als RCA ihr ein Album mit der Musik des Bossa Nova verweigerte, den sie auf einer Brasilientournee entdeckt und sofort in ihr Repertoire übernommen hatte. So kam es, dass 1963 statt ihrer Astrud Gilberto „The Boy of Ipanema“ veröffentlichte, derweil Caterina Valente, zusätzlich bekannt geworden durch Perry Comos ihr gewidmeten Hit „Caterina“, mit ihrer wöchentlichen Fernsehshow „The Entertainers“ Preise einheimste, in Las Vegas als amerikanisch swingende Europäerin abräumte und in Japan als Amerikanerin mit Europatouch die Music-Halls füllte und drei Mal die japanische Hitparade anführte.

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