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Wolfgang Ambros wird siebzig : Lieder wie schwarze Vögel

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„Er sang die Hymnen unserer Adoleszenz“: Wolfang Ambros feiert Geburtstag. Bild: Thomas Dashuber

Wir wurden erwachsen, und er vor uns: Wolfgang Ambros schreibt gefährliche Musik. Ein Geständnis, eine Erinnerung und die Gratulation eines Schriftsteller zum Siebzigsten des Sängers.

          3 Min.

          Es ist sinnlos, über Wolfgang Ambros zu sprechen, ohne auf die eigenen Prägungen zu schauen, die er einem reingehauen hat. Mein Ambros ragte ganz und gar in meine Herkunft hinein, eine Kreisstadt im Hessischen, fern seiner Wiener Lebenswelt. Davon weiß und wusste er nichts, das Wort Friedberg wird Ambros vermutlich nie gehört haben. Und dennoch war er einer der ganz Wichtigen. Er war der Depressionskünstler schlechthin, seine Lieder flogen wirklich, und nicht nur dem Wort nach, als schwarze Vögel umher. Die geliebte Verzweiflung mit vierzehn, fünfzehn Jahren (oder lernten wir sie erst durch ihn?) bekamst du durch seine Lieder betextet: „Da junge Mensch sitzt gottergeben und fiacht si vur die Bam vorm Fensta. Er hot si an de Agonie verkauft.“ Ambros sang die Hymnen unserer Adoleszenz, die von Nicht-Können, Aufgeben, Verweigern und Abstieg handelten. Da er musikalisch mit einfachen Mitteln arbeitete, konnte immer irgendwer ein Lied von ihm auf einer herumstreunenden Gitarre klampfen, in irgendwelchen Zimmern beim Bier, in Hinterhöfen beim Rauchen und Kiffen. „Espresso“ war so ein Klassiker, das Lied handelt von jemandem, der in der Kneipe sitzt und wartet, dass was passiert, aber es passiert nichts, und mehr passiert auch in dem Lied nicht: „Weu i mi goaso fadisier.“ Dazu oft Streicherarrangements im Hintergrund, die sich über die Musik legten wie bei uns zuhause im Hessischen der Weinschaum über die Weckschnittchen.

          Ambros trat genau da in unser Leben, als wir mit dem ersten Alkohol und dem ersten Tabak begannen. Hätten die Eltern gewusst, was da passierte, hätten sie Verbote ausgesprochen, über die wir uns natürlich totgelacht hätten. Am meisten vergöttert war die Platte „Es lebe der Zentralfriedhof“, da war schon der Titel Programm. Auf ihr findet sich sogar ein (Skandal!) Selbstmordlied, geschrieben von seinem Kollegen Georg Danzer, das einüben sollte in die Technik des Badewannensuizids: Das Wasser musste auf jeden Fall warm sein. Mit diesem Lied machte man nur einmal ernst.

          Was er anfing, geriet in die Hinter- und Abgründigkeit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass „Der Watzmann ruft“, jenes Ding aus Sprechwort, Musik und Liedtext, von uns zwar auch als witzig, vor allem aber als therapeutisch wahrgenommen wurde. Die ganze Platte klang nach einem „Als ob“: Hochdepressionsstimmungsleute erlauben sich zur eigenen Abwechslung mal einen Ausflug ins scheinbar Amüsante. Eigentlich war es ein Totentanz. Übrigens hörte sich, war man in das dunkle Universum „Ambros“ eingearbeitet, auch so ein Après-Ski-Hit wie „Schifoan“ völlig anders an. Wir hörten es nicht wie von einem Skipistenprotzbären oder Teilzeitfreizeitler gesungen, sondern von einem völlig kaputten Typen, der sich noch einen Rest Realität vorgaukelt, zur eigenen Lebensverhöhnung. Ein halber Sandler, der nur noch im „Espresso“ herumsitzt und irgendwas vom Ski am Wochenende faselt. Das Lied selbst bietet übrigens keinerlei Anhaltspunkt für eine solche Interpretation, und dennoch haben wir es genau so gehört. Alles, was von Ambros berührt war, war schon in den Abgrund gestürzt und rief einem von dort aus zu. In diesem morbiden Kosmos konnte übrigens prima Geselligkeit entstehen, noch als völlig erwachsener Mensch grölte ich bisweilen mit einem Pongauer Gastwirt nachts auf herrlichste Weise beim Vogel­beerschnaps die Ambros’schen Depressionskoloraturen. Es sind eben auch immer Mitmach-Lieder.

          Zentrale Stelle seines Werks war für uns, und damit stand die Wetterauer Jugend nicht allein (man denke an den berühmten Auftritt von Niki Ofczarek in der Serie „Der Pass“, wo er im Café am Heumarkt seinerseits eine einschlägige Ambros-Strophe zur Jukebox mitgrölt und daraufhin ein „Geh scheissn, du Wappler!“ zu hören bekommt): das Lied „De Kinettn wo i schlof“. Das dort beschriebene Leben hatte mit unserer sozialen Herkunft und Jugend zwar nichts zu tun, schilderte aber dennoch unser aller Lebensgefühl und implementierte inmitten unserer Behaustheit eine markante Obdachlosigkeitsanmutung. Das Lied trieb einen regelrecht in die Verwahrlosung hinein. Es handelt von einem Sandler, der aus der Baugrube vertrieben wird, in der er zu übernachten pflegt. Inmitten des Liedes eine Strophe, die eine ganze Welt- und Existenzbeschreibung transportierte: „Und de Leut kommen ma entgegn, wie a Mauer kommens auf mi zua. I bin der anzige der ihr entgegen geht kummt ma vua – oba i reiß mi zamm und mach beim ersten Schritt de Augn zua.“

          Der Gastwirt und ich grölten das ebenfalls regelmäßig.

          Wir wurden erwachsen, und Ambros vor uns. Der schönen Verzweiflung der frühen Jahre musste auch er sich irgendwann entledigen, sie wird irgendwann unkleidsam und verliert ihr Göttergleiches. Aber Am­bros blieb immer jemand, der einen mit dieser gewissen Ehrlichkeitsgrundwucht abholte, die noch von früher herrührt. Ja, bis heute etwas ganz Besonderes, ihn zu hören, irgend etwas leuchtet sofort auf. „Langsam wachs ma zamm“ heißt eines seiner bekanntesten Lieder. Vor fast vierzig Jahren, ich war damals fünfzehn, schrieb mir meine damalige Freundin einen Brief mit ihrer glasklaren Mädchenhandschrift, den ich bis heute habe. Darin stand nur ein einziger Satz, aus einem Lied von Ambros: „Du bist wia de Wintasun, die nur an manchen Togn scheint.“

          Damals war er um die dreißig, gesungen hatte er das Lied zehn Jahre zuvor, mit knapp zwanzig Jahren. An diesem Samstag wird der große Wolfgang Ambros siebzig.

          Andreas Maier ist Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman „Die Städte“ (2021).

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