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Tom Jones zum Achtzigsten : Der Tiger wird nicht müde

  • -Aktualisiert am

Sein erotisches Freibeutertum hatte bald auch etwas Selbstparodistisches: Tom Jones. Bild: United Archives / ZIK Images

Ein Sexbombenleger ohne böse Absicht, aber mit gewaltiger Intonationskraft: dem Sänger Tom Jones zum Achtzigsten.

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          Ava Gardner war nicht überempfindlich, als sie diesen Satansbraten roch: „Das ist der Geruch nach männlichem Tier, Brutalität und verhexender Gesang.“ Dazu muss man es erst einmal bringen, dass man einem Filmstar dieses Kalibers derartig in die Nase und wohl auch noch woanders hin steigt. Die nicht weiter erläuterungsbedürftigen Phantasien, die Tom Jones bei seinem weiblichen Publikum freisetzte, sind natürlich ein Lehrstück aus vergangenen Zeiten; heute, muss man wohl feststellen, ob man es nun richtig oder bedauerlich findet, käme er damit nicht mehr durch.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun geht es kaum an, sich bei der Würdigung dieses stämmigen Kerls, der es vom Staubsaugervertreter über die typische Ochsentour durch Kneipen ähnlich wie Joe Cocker, das andere britische Stimmwunder jener Epoche, bis zur Kassenattraktion brachte, der man sogar einen James-Bond-Titel („Thunderball“, 1965) anvertraute, allzu lange bei der Unterwäsche und den Wohnungsschlüsseln aufzuhalten, die ihm die Frauen massenhaft auf die Bühne schmissen. Zwischen der lauernden Gefährlichkeit Elvis Presleys und dem Schmalz Engelbert Humperdincks oder Paul Ankas war reichlich Platz, und Tom Jones füllte ihn gekonnt und glaubwürdig.

          Das Repertoire, das er mit seiner 100 000-Volt-Stimme – dieser Ehrentitel kommt ihm mindestens genauso zu wie Gilbert Bécaud – durchweg im Griff hatte, imponiert schon durch seine Fülle und Vielseitigkeit. Er sang alles weg, neben Easy-Listening-Krachern wie „It’s Not Unusual“ und „Help Yourself“ machte er selbst noch bei den abgegriffensten Rock- und Soulstandards wie „Memphis Tennessee“ und „Georgia On My Mind“, an denen man sich leicht verheben konnte, eine gute Figur.

          Ein begehrter Duettpartner

          Die Aufbereitung dieser und vieler anderer Titel mit süffigen Arrangements und breitem Orchester ließ oft überhören, dass Tom Jones im Grunde ein Vertreter, und ganz sicher nicht der unbedeutendste, des blue-eyed soul ist und kein internationaler Schlager-Heini, für den man ihn wegen seiner Attraktivität auf künstlerisch vermeintlich leicht zufriedenzustellende Hausfrauen halten könnte. Es mag sein, dass sein röhrender Overdrive wenig Raum für Subtilitäten ließ, aber noch melodramatische Gassenhauer wie „Delilah“ verbreiten eine Kraft, die so blitzt und strahlt wie der Stahl aus seiner walisischen Heimat. Und man sollte nicht vergessen, dass die mit Abstand überzeugendste Fassung von „Green, Green Grass of Home“ seine und ganz einfach unwiderstehlich ist.

          Mit Eintritt in die Siebziger – die Koteletten wurden immer länger, die Hemden immer offener – sank sein Stern komischerweise etwas, obwohl er dieses Jahrzehnt eigentlich idealtypisch verkörperte, seine Darbietungen musikalisch keineswegs unerheblicher geworden waren und nichts an Energie eingebüßt hatten, wie man an der schneidend scharfen Fassung von Paul Ankas „She’s a Lady“ hören kann. Aber der Tiger war nun doch etwas zahnlos geworden, verlegte sein erotisches Freibeutertum nach Las Vegas und glitt immer weiter ins Selbstparodistische ab, das wohl mit dazu beigetragen hat, dass man ihn gedankenlos für Kult und seine Intonationskraft dabei für ganz selbstverständlich hält.

          Und dann schlug Tom Jones das zweite Kapitel seiner Karriere auf: Im Lederanzug wie einst Elvis Presley in Memphis meldete er sich 1987 im Fernsehen zurück, aus der immer noch machtvollen Brust kam ein Lied, bei dem Geringere wahrscheinlich gepatzt hätten: „Kiss“ von Prince. Die gewagt verfremdende Musik von The Art Of Noise signalisierte dabei fast schon so etwas wie Avantgarde, welche den jederzeit zu selbstironischen Späßen aufgelegten, nach wie vor dick auftragenden, nie sonderlich eleganten Sänger erst recht gestrig wirken ließ. Aber der Auftritt verfing; auf einmal war Tom Jones, der schon an der Seite von Janis Joplin bestanden hatte, ein begehrter Duettpartner.

          „Sex Bomb“ machte Furore

          Welcher Interpret kann schon von sich sagen, dass er mit so unterschiedlichen, geschmacklich ausgesprochen heiklen Musikern wie Van Morrison, Robbie Williams, den Stereophonics und den Manic Street Preachers gemeinsame Sache gemacht hätte? Tom Jones, der auch weiterhin noch das schrägste Fremdmaterial fast zu Tode strangulierte, hatte sich das alles redlich ersungen und es nicht nötig, sich auf bloßen Kult, der zufällig wieder gefragt wäre, reduzieren zu lassen, dazu war seine Intonationssicherheit zu groß. Um die Jahrhundertwende, nun doch schon ein Denkmal seiner selbst, machte er abermals Furore mit der selbst für seine Verhältnisse dreisten Anmache von „Sex Bomb“, das ihm Mousse T auf den schwitzenden Leib geschrieben hatte, für Hipness war also wieder gesorgt.

          Fast sechzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod, hat es eine Frau an der Seite des Testosteronmonsters ausgehalten. Der Tiger aber wird wohl so schnell nicht müde. An diesem Sonntag wird Sir Thomas John Woodward, der Mann, der Tom Jones ist, ja auch erst achtzig Jahre alt.

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