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Der Rapper Yung Hurn : Schneeflocken im Kopf

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Während andere singende Rapper wie Nimo, Ufo361 und Bausa, mit denen Yung Hurn schon zusammengearbeitet hat, in den letzten Monaten schamlos mit dem Schlagerhaufen gespielt haben, trennt Yung Hurn von ihnen, dem ganz großen Erfolg und dem Haufen immer noch das hauchdünne Plastik eines Kotbeutels, auf dem, in Frakturschrift, „Stil“ gedruckt steht. Von den Videos über die Outfits zu den Gaga-Texten: Seit jeher hat Yung Hurn hyperempfindliche Stilsensoren, und besonders feinfühlig agieren die bei der Auswahl der Beats. Wie die „Love Hotel“-EP hat auch „1220“ der Österreicher Stickle produziert, der einst Bushidos Übergang vom Straßen- zum Stadienrapper begleitete. Sein sphärischer Sound zu „Bist Du alleine“ etwa erzeugt perfekt das Drei-Uhr-nachts-Gefühl, bei dem alles schwer und schwerelos zugleich ist. Nur so wird aus dem Track trotz tausendmal gehörter Zeilen kein Auf-dem-Dach-eines-Hochhauses-bis-zum-Sonnenaufgang-rauchen-Moment, sondern ein schöner Song über Alleinsein mit Whatsapp.

„Baby, sag mir, was du heut machst / Hast du Zeit, ja?“ singt Yung Hurn, und er balanciert genau auf dem Grad zwischen Traurigkeit und Hoffnung, auf dem man so wankt, wenn im Chat mit der Gefragten die beiden Häkchen endlich blau werden und unter ihrem Namen „...schreibt“ erscheint. Bloß war’s das dann eigentlich auch. Es ist kein Zufall, dass von den Tracks acht bis vierzehn keiner zur Single geworden ist, was auch gar nichts macht, weil man so einfach nach der ersten Hälfte von vorn anfängt und sie noch schneller auswendig kann, und dann wieder von vorn, bis die Songzeilen wie Schneeflocken durch den Kopf fallen, am Anfang versucht man noch gelegentlich, eine aufzufangen, um zu sehen, woraus sie besteht, aber bald gibt man auf, ermattet von der Sinnlosigkeit des Versuchs.

„1220“ ist wie ein Chat-Dialog

Dass „1220“ ermüdet, liegt an ein paar Zeilen zu viel à la „Ich bin so tief in ihr’m Hals, ja, Baby, sie schluckt, und sie lacht dann“, was bei Yung Hurn immer auch die Ironisierung von Rap-Klischees sein kann, aber selbst wenn es so ist, Ironie ermüdet auf Dauer halt auch. Zum anderen hat Deutschrap Yung Hurn, nun, da sein offizielles Debüt erscheint, eingeholt: Auf seinem neuen Album „Flizzy“ nuschelt längst auch Fler vor sich hin. Und dann wirkt es manchmal noch so, als sei es Yung Hurn wichtiger, Rapper zu sein als zu rappen. Ein paar Lieder klingen schon arg lieblos, als seien sie ihm so egal wie seine Konzerte. Der Verweigerer, der hinrotzt, macht eine gute Geschichte, der Streber oft die bessere Musik.

Das alles ändert bloß gar nichts daran, dass man nach wenigen Tagen die maximale Zahl der Presse-Album-Streams erreicht hat und simplere Konversationen mit Yung-Hurn-Zeilen bestreiten kann. Hast du Zeit, ja? Ok cool. „1220“ ist wie ein Chat-Dialog – worin es sich von den Platten und Büchern unterscheidet, die noch dem Briefroman gleichen –, mit dem zwei rausbekommen wollen, ob sie einander gut finden, nachts und müde. Die Hälfte versteht man nicht. Ein Drittel sind Sätze wie „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, weil irgendeine Fehlschaltung im menschlichen Gehirn dafür sorgt, dass man zwar kreativ und eigen über Aktiengeschäfte sprechen kann, aber über das Persönlichste nur mit den allgemeinsten Worten. Die anderen 16,67 Prozent sind wunderschön.

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