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Mythos Joy Division : Die Kraft zu machen, was man will

  • -Aktualisiert am

Habe ich noch nicht gehört. Ich weiß nicht viel über Stormzy, aber ich mag die Idee dahinter. Ich weiß, wie wichtig er ist. Wäre ich dreißig Jahre jünger, würde ich über ihn schreiben. Es ist die schwarze, urbane Jugendkultur, die in ihrer Musik den Brexit verhandelt. In weißer Rockmusik findet sich nichts Relevantes dazu, für mich ist das eine tote Kunstform. Popmusik muss neu sein. Deswegen kann ich Rock nicht ausstehen: Er hat seine Formeln durchgespielt und wiederholt sich nur mehr.

Wie finden Sie den Musikjournalismus heute?

Großartig. Er ist sehr lebhaft und dynamisch, und es freut mich, dass es mehr und mehr Frauen gibt. In diesem Genre können junge Journalisten und Schreiber Erfahrungen außerhalb der sogenannten literarischen Welt sammeln. Niemand, der jung ist und Sinn für Stil hat, will etwas mit der literarischen Welt zu tun haben.

Der englische Popautor Jon Savage
Der englische Popautor Jon Savage : Bild: ddp Images

Um zu „Unknown Pleasures“ zurückzukommen: Peter Saville, der Gestalter des Plattencovers, sagte vor einigen Jahren, die gesamte Essenz von Manchester – Joy Divisions Plattenfirma Factory, die Nachfolgeband New Order, der legendäre Club Haçienda – sei nur durch ein riesiges Opfer ermöglicht worden: den Freitod von Ian Curtis.

In gewisser Hinsicht hat Peter wohl recht. Es ist ironisch, dass Factory den ersten Erfolg erst durch Ians Tod hatte. Aber ich würde ihn nicht als Opfer bezeichnen. Es war eine menschliche Tragödie. Sie hat alle Beteiligten sehr mitgenommen, sogar die am Rande wie mich. Das war ein schockierendes, gewalttätiges, fürchterliches Ereignis. Es hat überhaupt nichts Künstlerisches. Die Auffassung, Ians Suizid als Teil seiner Kunst zu sehen, hat mir immer widerstrebt.

Aber viele Menschen scheinen den Drang zu haben, die Geschichte von Ian Curtis‘ Tod immer wieder zu erforschen. Das Mysterium um das Verschwinden eines so jungen Menschen wirkt offensichtlich anziehend.

Das ist der romantische Mythos. James Dean, Rudolph Valentino... Diese Idee – live fast, die young – steckt im Kern der westlichen Jugendkultur, wie sie in den Vierzigern und Fünfzigern geschaffen wurde. Das ist nicht überraschend. Wenn man allerdings eine Ahnung von dem menschlichen Leid hat, welches damit verbunden ist, verliert man bei der Romantisierung schnell die Geduld.

Wann waren Sie das letzte Mal in Manchester?

Vor zehn Tagen. Richard Boon, der Manager der Buzzcocks und ein Freund von mir, hat im Oktober 1979 zwei Auftritte von Joy Division im Apollo in Manchester gefilmt. Wir haben die Konzerte jetzt bei einer Veranstaltung auf der großen Leinwand gezeigt. Es war fantastisch.

Und wie haben Sie die Stadt jetzt erlebt?

Sie ist von Grund auf umgestaltet worden. Das ist in gewisser Hinsicht gut – niemand will zurück zu den Ruinen der Siebziger. Aber wie in anderen großen Städten wurde damit eine etwas unmenschliche Lebenswelt geschaffen. Viele hässliche Gebäude, kein Umfeld, in dem junge Menschen eine eigene Szene bilden können. Das ist ein Problem in der gesamten westlichen Welt. Lebendige Kultur braucht Orte, an denen junge Leute und solche ohne viel Geld überhaupt leben können.

Und wo wären Sie, wenn es Joy Division nie gegeben hätte?

Vermutlich da, wo ich ohnehin bin. Ich spekuliere nicht. Dinge passieren, man muss mit ihnen klarkommen. Tony Wilson, der Gründer vom Factory-Label, hat mir damals einen Job in Manchester verschafft, damit ich über seine Band Joy Division schreiben kann. Das habe ich jetzt getan. Mein Sternzeichen ist Jungfrau, ich habe Tagträume, aber ich mache niemals Wenn-dann-Spielchen.

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