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Mythos Joy Division : Die Kraft zu machen, was man will

  • -Aktualisiert am

Auf T-Shirts und Garagenwänden lebt der Mythos von Joy Division weiter. Bild: Picture-Alliance

Die Post-Punkband Joy Division ist Kult und lebt auf Postern, Shirts und Beuteln bis heute weiter. Warum? Für sein neues Buch hat Jon Savage mit Zeitzeugen geredet, die wie er damals in Manchester dabei waren – und wir mit ihm.

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          Am 18. Mai 1980 hat sich Ian Curtis im Alter von 23 Jahren das Leben genommen. Der Mythos rund um den Sänger und seine Band Joy Division ist auch vierzig Jahre nach ihrem ersten Album „Unknown Pleasures“ präsent – und sei es als T-Shirt-Motiv. Der englische Journalist Jon Savage, Autor von Standardwerken über den Punk („England‘s Dreaming“, 1991) und über das Phänomen „Teenage“ (2007) hat Joy Division seit ihren frühesten Tagen begleitet. Jetzt, mit 65, hat er eine Oral History veröffentlicht, die neben den dunklen Seiten der Band auch ihre hellen einfängt.

          Besitzen Sie auch einen Beutel mit dem Covermotiv von Joy Divisions erstem Album „Unknown Pleasures“?

          Ich weiß, dass aus „Unknown Pleasures“ schon alles Mögliche gemacht wurde, aber einen Beutel habe ich noch nicht gesehen.

          Bei H&M und Primark gibt es auch T-Shirts mit dem Aufdruck. Was wollen einem die Menschen sagen, die heute mit diesem ikonischen Design auf Brust oder Beutel herumlaufen?

          Sie sagen: „Ich mag Joy Division!“ Vermutlich sehen sie die Band als etwas Authentisches und Künstlerisches. Ich nehme diese T-Shirts aber losgelöst von dem wahr, was vor vierzig Jahren passiert ist. Es könnte ebensogut ein Logo der Ramones sein.

          Trotzdem hat sich um Joy Division ein Mythos gebildet. Die Band gab es nur zwei Jahre lang, sie war im britischen Fernsehen ein einziges Mal zu erleben. Wie konnte sie eine derart starke Wirkung entfalten, bis heute?

          Durch die Qualität ihrer Kunst. Es geht um Menschen, die Kunst machen. Darüber spricht man nicht gerne, weil es prätentiös wirkt, aber genau das ist es. Joy Division waren gemeinsam mehr als die einzelnen Mitglieder für sich. Sie suchten nach etwas, das sie selbst nicht verstanden, für das sie keine Begriffe hatten. Aber sie haben es verkörpert – und damit große Kunst geschaffen.

          Das Cover von „Unknown Pleasures“ (1979) hatte Peter Saville entworfen.

          Der Reiz dieser Kunst liegt auch in ihrer sehr düsteren Seite.

          Ich habe mein Buch „This Searing Light“ genannt, um auch die andere Seite zu zeigen. Wenn man Joy Division live erlebte, war da natürlich etwas Dunkles. Aber auch viel Licht. Da war Kraft, Energie, etwas Erhabenes. Popmusik ist im Grunde destillierte Emotion, und in dieser Hinsicht sind Joy Division unerreicht.

          Wie sind Sie auf die Band gestoßen?

          Ich habe Joy Division zum ersten Mal im Oktober 1977 in Manchester gesehen. Der wichtigste Punk-Club der Stadt, Electric Circus, veranstaltete an seinem letzten Abend ein kleines Festival. Die Buzzcocks sind aufgetreten, sie waren toll, The Fall, die ich nie mochte, und viele andere Bands, die ihre Instrumente kaum beherrschten. Darunter auch Warsaw, die hinter etwas her waren, das sie mit ihren damaligen Fähigkeiten noch nicht erreichen konnten. Das gefiel mir. Ich schrieb also für die Zeitschrift „Sounds“ einige Zeilen über die Band. Später kontaktierte mich ihr Manager und erklärte, dass Warsaw nun Joy Division hießen. Damit begann ein Dialog, der dazu führte, dass ich im April 1979 nach Manchester gezogen bin.

          Wie haben Sie Manchester damals erlebt? Sie kamen aus London.

          Es war unglaublich, als würde man zwanzig Jahre in die Vergangenheit reisen, zurück in die Fünfziger. Manchester war sehr arm, gezeichnet von Verfall und Leere. Ich habe dort für eine große Firma gearbeitet, Granada Television, ein ungewohntes Umfeld. Es war hart. Aber Joy Division live zu erleben, was ich in den ersten Monaten oft getan habe, und „Unknown Pleasures“ zu hören, hat mir geholfen, mich in der Stadt zurechtzufinden, sie zu verstehen. Ich sah Manchester durch die Augen von Joy Division.

          Wie muss man sich vor dem Umzug Ihr Leben in London vorstellen?

          Ich lebte bei meinen Eltern, studierte Jura und fand es furchtbar. Ich nahm Amphetamine und ging in Punk-Clubs. Das hatte nicht wirklich eine Zukunft. Im April 1977 habe ich begonnen, für „Sounds“ zu schreiben. Ich wollte neue Bands und Künstler entdecken, Grenzen verschieben, zu einem Austausch beitragen. Ich habe das geliebt. Kurz bevor ich nach Manchester gezogen bin, wechselte ich zu „Melody Maker“. Eine aufregende Zeit, ich hatte das Privileg, Teil eines Dialogs zu sein.

          Konnten Sie vom Schreiben leben?

          Nein. Das ist sehr schwierig, es sei denn, man schreibt für die konservative Presse. Ich hatte bis 1984 neben dem Schreiben einen Brotjob.

          Ihre Situation war also gar nicht so anders wie die der Musiker, die damals Bands wie Joy Division gründeten.

          Da war kein Geld zu holen. Und genau darin lag eine gewisse Freiheit. Was auch immer man tat, man tat es, weil man es liebte. Es ist schwierig, das zu beschreiben. Im Rückblick fällt mir auf, wie überzeugt ich gewesen sein muss. Wenn es keinen finanziellen Rückhalt gibt, braucht man einen anderer Antrieb im Inneren, eine Kraft, einen Drang, den Glauben an das, was man machen will.

          Warum haben Sie sich jetzt wieder zurück in diese Zeit begeben?

          Ich habe vor rund zehn Jahren mit dem Regisseur Grant Gee an einem Dokumentarfilm über Joy Division gearbeitet. Zum einen gab es sehr viel Interviewmaterial, das im Film nicht verwendet wurde. Zum anderen wollte ich schon seit langem eine Oral History veröffentlichen. Jean Steins Biografie über Edie Sedgwick und die Bücher des früheren Rolling-Stones-Managers Andrew Loog Oldham haben mich da sehr inspiriert. Ich wollte nicht noch mal über Joy Division schreiben, so wie es alle anderen tun und wie auch ich es schon mehrmals getan habe. Ich dachte: Lass sie ihre Geschichte selbst erzählen!

          Die Oral History ist, besonders bei der Aufarbeitung von Pop-Phänomenen, ein beliebtes Format. Was ist so faszinierend an Zitat-Montagen?

          Sie sind sehr direkt. Sie kommen aus erster Hand, von den Leuten, die selbst beteiligt waren. Manche sind nicht besonders gut gemacht, aber das ist nicht schlimm. Für mich als Autor ist das Format reizvoll, da ich mit einer Reihe verschiedener Stimmen sprechen kann, nicht nur mit meiner eigenen.

          Live und ausnahmsweise mal in Farbe: Ian Curtis (links) und Peter Hook von Joy Division im Londoner „Electric Ballroom“, 26. Oktober 1979

          Wie wählen Sie eigentlich aus, über was Sie Texte und Bücher schreiben?

          Ich trage die Ideen dafür lange mit mir herum. Wenn ich die Arbeit an einem Buch abschließe, gibt es also einige Optionen, und ich wähle eine davon für das nächste Projekt aus. Wobei die Idee im Grunde unwichtig ist. Egal, für welches Thema ich mich entscheide, ich lasse immer alles Erdenkliche einfließen. Es spielt sich ja alles auf demselben Feld ab: Es geht um Pop und Jugendkultur. Und in allem steckt mein Glaube an die Kunst und an die Freiheit.

          Halten Sie sich über die neuesten Trends auf dem Laufenden?

          Gar nicht. Ich habe natürlich ein Auge auf bestimmte Dinge, aber ich schreibe kaum über zeitgenössische Kultur, meine Arbeit ist eher die eines Historikers. Privat höre ich nur elektronische Musik, auf Rock habe ich keinen Bock. Letztens hatte ich tolle Gespräche mit einigen jungen Autorinnen über Grime. Ich finde diese Musik faszinierend, aber ich beschäftige mich nicht jeden Tag damit. Ich muss nicht mehr ständig unterwegs sein, um neue Sachen zu entdecken. Das sollen die Jüngeren tun.

          In den britischen Single-Charts steht gerade „Vossi Bop“ vom Grime-Star Stormzy auf dem ersten Platz.

          Habe ich noch nicht gehört. Ich weiß nicht viel über Stormzy, aber ich mag die Idee dahinter. Ich weiß, wie wichtig er ist. Wäre ich dreißig Jahre jünger, würde ich über ihn schreiben. Es ist die schwarze, urbane Jugendkultur, die in ihrer Musik den Brexit verhandelt. In weißer Rockmusik findet sich nichts Relevantes dazu, für mich ist das eine tote Kunstform. Popmusik muss neu sein. Deswegen kann ich Rock nicht ausstehen: Er hat seine Formeln durchgespielt und wiederholt sich nur mehr.

          Wie finden Sie den Musikjournalismus heute?

          Großartig. Er ist sehr lebhaft und dynamisch, und es freut mich, dass es mehr und mehr Frauen gibt. In diesem Genre können junge Journalisten und Schreiber Erfahrungen außerhalb der sogenannten literarischen Welt sammeln. Niemand, der jung ist und Sinn für Stil hat, will etwas mit der literarischen Welt zu tun haben.

          Der englische Popautor Jon Savage

          Um zu „Unknown Pleasures“ zurückzukommen: Peter Saville, der Gestalter des Plattencovers, sagte vor einigen Jahren, die gesamte Essenz von Manchester – Joy Divisions Plattenfirma Factory, die Nachfolgeband New Order, der legendäre Club Haçienda – sei nur durch ein riesiges Opfer ermöglicht worden: den Freitod von Ian Curtis.

          In gewisser Hinsicht hat Peter wohl recht. Es ist ironisch, dass Factory den ersten Erfolg erst durch Ians Tod hatte. Aber ich würde ihn nicht als Opfer bezeichnen. Es war eine menschliche Tragödie. Sie hat alle Beteiligten sehr mitgenommen, sogar die am Rande wie mich. Das war ein schockierendes, gewalttätiges, fürchterliches Ereignis. Es hat überhaupt nichts Künstlerisches. Die Auffassung, Ians Suizid als Teil seiner Kunst zu sehen, hat mir immer widerstrebt.

          Aber viele Menschen scheinen den Drang zu haben, die Geschichte von Ian Curtis‘ Tod immer wieder zu erforschen. Das Mysterium um das Verschwinden eines so jungen Menschen wirkt offensichtlich anziehend.

          Das ist der romantische Mythos. James Dean, Rudolph Valentino... Diese Idee – live fast, die young – steckt im Kern der westlichen Jugendkultur, wie sie in den Vierzigern und Fünfzigern geschaffen wurde. Das ist nicht überraschend. Wenn man allerdings eine Ahnung von dem menschlichen Leid hat, welches damit verbunden ist, verliert man bei der Romantisierung schnell die Geduld.

          Wann waren Sie das letzte Mal in Manchester?

          Vor zehn Tagen. Richard Boon, der Manager der Buzzcocks und ein Freund von mir, hat im Oktober 1979 zwei Auftritte von Joy Division im Apollo in Manchester gefilmt. Wir haben die Konzerte jetzt bei einer Veranstaltung auf der großen Leinwand gezeigt. Es war fantastisch.

          Und wie haben Sie die Stadt jetzt erlebt?

          Sie ist von Grund auf umgestaltet worden. Das ist in gewisser Hinsicht gut – niemand will zurück zu den Ruinen der Siebziger. Aber wie in anderen großen Städten wurde damit eine etwas unmenschliche Lebenswelt geschaffen. Viele hässliche Gebäude, kein Umfeld, in dem junge Menschen eine eigene Szene bilden können. Das ist ein Problem in der gesamten westlichen Welt. Lebendige Kultur braucht Orte, an denen junge Leute und solche ohne viel Geld überhaupt leben können.

          Und wo wären Sie, wenn es Joy Division nie gegeben hätte?

          Vermutlich da, wo ich ohnehin bin. Ich spekuliere nicht. Dinge passieren, man muss mit ihnen klarkommen. Tony Wilson, der Gründer vom Factory-Label, hat mir damals einen Job in Manchester verschafft, damit ich über seine Band Joy Division schreiben kann. Das habe ich jetzt getan. Mein Sternzeichen ist Jungfrau, ich habe Tagträume, aber ich mache niemals Wenn-dann-Spielchen.

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